Ermpftschnuggn Tröda – Jochen Malmsheimer

Der Jochen Malmsheimer ist ein Wortgewaltiger. Mir ist er seit seinen Tresenlesen Zeiten mit Frank Goosen ein Begriff. Frank Goosen habe ich ein wenig aus den Augen verloren, den Herrn Malmsheimer nie. Nicht aus den Augen und schon gar nicht aus den Ohren. Die schrägen Titel seiner Bühnenprogramme, wie „Ich bin kein Tag für eine Nacht“, „Flieg Fisch, lies und gesunde“, „Wenn Worte reden könnten“ oder eben „Ermpftschnuggn Tröda – hinter dem Staunen lauert die Frapanz“ zaubern erst einmal ein „Watt?“ hervor. Es klärt sich dann zwar mehr oder weniger. Aber erst einmal ist es etwas undurchsichtig. Macht aber nichts. Klar ist immer nur, dass es ein kuriose Mischung ist. Immer ist eine besondere Textform dabei. Im vorliegenden Werk bedient er sich der Psalmen, um die Welt wissen zu lassen, was denn besser sein könnte. Hier mal eine Kostprobe der Psalmen der Sorge:

und eine aus Ermpfschnuggn Tröda

http://youtu.be/dsQcm3ewxAA

Letzteres hat keine gute Qualität, aber für einen Eindruck reicht es.

Fazit: Einfach überwältigend und so empfehlenswert. 

Hitzewelle von Anne B. Ragde

hitzewelle

 

„Hitzewelle“ ist der 3. Teil von Anne B. Ragdes Neshov Trilogie.  In diesem Teil wird die Geschichte der Familie Neshov, nach dem Freitod von Torunns Vater, weiter erzählt. Torunn leidet unter Schuldgefühlen. Sie kann nicht verwinden, dass ihr Vater sich umgebracht hat, weil sie ihm nicht zu sagen konnte, den Hof zu übernehmen. Sie fühlt sich gezwungen weiter zu machen, ist aber gleichzeitig nicht in der Lage nötige Veränderungen anzugehen. Gleichzeitig wird der Druck von Außen immer unerträglicher. Die Mutter, die ihre Tochter wieder in Oslo wissen will, die Onkel die allesamt ihre eigenen Pläne um den Hof haben, deren Gelingen davon abhängig ist, dass Torunn, die Anerbin, den Hof mit landwirtschaftlicher Nutzung weiterführt.

Es ist auch nicht so, dass die Menschen um Torunn nicht sehen, dass sie Hilfe braucht, aber keiner gibt ihr die, die sie wirklich braucht. Materielle Unterstützung ist eben leichter gegeben, als tatkräftiges Miteinander. Schließlich hat ja jeder sein eigenes Leben. Jeder bis auf Torunn, die schließlich explodiert …

Frau Braun meint:

… der dritte Teil um die Neshov Familie lässt mich mit ein wenig zwiespältigen Gefühlen zurück. Stellenweise ist die Luft raus. Es ist so ein Patchwork. Da sind ganze Textteile aus den früheren Bänden übernommen. Einiges wird nachvollziehbarer, einige Figuren entwickeln sich dann doch recht merkwürdig. An einigen Stellen dachte, wäre besser gewesen, mit dem zweiten Teil Schluss zu machen und das Ende offen zu lassen, dann wieder zog es mich weiter. Es ist schwer die drei Bücher einzeln zu besprechen, denn eigentlich gehören sie zusammen. Bilden eine Einheit. Stellenweise hatte ich die Idee, dass es als „ein“ Buch besser funktionieren würde. Aber nun ist es, wie es ist.

Fazit: Trotz einiger Schwächen sehr lesenswert. Allerdings sollten zukünftige Leser besser alle drei Bücher lesen und zwar in chronologischer Reihenfolge: Das Lügenhaus – Einsiedlerkrebse – Hitzewelle.

Schwarzer Frost von David Wonschewski

schwarzer frost

 

Schwarzer Frost ist der Debütroman von David Wonschewski. David hat lange Zeit als Musikjounalist für verschiedene große Sender gearbeitet. Auch sein Protagonist ist Musikjournalist.  Der Begriff „Schwarzer Frost entstammt der Seefahrt. Damit bezeichnet man Vereisungen, die an Schiffen auf Grund großer Kälte und Luftfeuchtigkeit entstehen. Durch das erhöhte Gewicht kommt es zu Havarien. In dem Roman geht es nicht um ein Schiff, sondern um einen Menschen der auf seinem Lebensweg besagten Schwarzen Frost angesetzt und sein Gleichgewicht verloren hat. Das Buch ist im Bewusstseinsstrom geschrieben. Der Leser ist sozusagen als Gast in den Gedanken des Ich-Erzählers. Kein bequemer Ort, denn der Protagonist, der sich selbst als einen Menschen bezeichnet, der ein Mörder sein könnte, ist schwer depressiv und nur die Lebensverneinung und die Faszination des Todes, besonders des Selbstmordes, verschaffen ihm menschliche Gefühle. Während er auf den verhassten Lohfeld, den Starmoderator des Senders wartet, Lohfeld den er hasst, der ihn anwidert, reflektiert der Erzähler seine Beziehungen zu den Menschen in seinem Umfeld. Da ist einmal seine Ex-Freundin Marie, die es immerhin sechs Jahre mit ihm ausgehalten hat. Dann sind die Erinnerungen an Moritz da, der Mensch dem der Erzähler immer bescheinigt hat, dass dieser sich umbringen wird.  Und in der Gegenwart gibt es Lohfeld, der alles verkörpert was der Protagonist ablehnt und den er trotzdem zu sich in die Wohnung, in seine Höhle eingeladen hat. Zu sich, dem Menschen der ein Mörder sein könnte …

Frau Braun meint:

… das David Wonschewski da ein ganz besonderes Buch geschrieben hat. Sicher keines in dem es sich entspannt sein lässt und in dem man noch ein paar Seiten vor dem Einschlafen liest. Es ist schwer sich daraus zu lösen, besonders da es keine kurzen Kapitel gibt. Der Roman besteht aus drei Teilen, die Zeit bevor Lohfeld da ist, als Lohfeld da ist und nachdem Lohfeld fort ist. Ich muss gestehen, dass ich für diese 238 Seiten recht lange gebraucht habe und auch einmal zwei, drei Tage Urlaub von diesen Strom der Depression und Misanthropie brauchte. Wer nun denkt, ich meine damit, dass es literarisch ungenügend ist, irrt. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wonschewski zieht seine Leser der Art in die beklemmende Gedankenwelt seines Protagonisten, dass die Befürchtung besteht sich mit schwarzem Frost zu infizieren, wenn man nicht ab und an ein wenig Abstand sucht. Das interessante war, dass die Pausen nie während des Lesens erforderlich wurden, sondern ihre Notwendigkeit sich immer erst zeigte, wenn ich das Buch erneut zur Hand nehmen wollte. Dem Autoren ist eine bemerkenswerte Gratwanderung gelungen, der Abgrund ist durchgängig spürbar, aber durch die Emotionen die der Text auslöst, auch der feste Boden. Der Reigen von Gefühlen ging bei mir, von Mitleid, Abscheu, Ekel über Wut und erschreckender Weise Verständnis für so einige Schlussfolgerungen. Im Grunde löste es bei mir die Emotionen aus, zu denen der Erzähler nicht mehr fähig war.

Das Buch wurde, glaube ich gelesen zu haben, von der Thomas Bernhard Gesellschaft ausgezeichnet. Ich habe Bernhard nie gelesen, bin aber durch Schwarzer Frost auf den Appetit gekommen. Übrigens, wer nun glaubt, dass es keinen Humor in diesem Werk gibt … es gibt ihn … allerdings einen so rabenschwarzen, dass es eine Pracht ist.

DAVID WONSCHEWSKI: „Schwarzer Frost“

Ein verstörender Einblick in die Gedankenwelt eines Menschen, der ein Mörder sein könnte.
Buch, Softcover 238 S., 20,6 x 13,5 cm
ISBN: 978-3-940767-97-4,
Edition Periplaneta, GLP: 13,50 € (D)

 

Lyrik von Urs Böke

Lyrik von Urs Boeke

Den Lyrik Einkauf für diesen Monat tätigte ich beim Ratriot-Shop, dessen Betreiber der Dichter ist. Gleich die Überschrift auf der Shopseite gefiel mir sehr.

Shop – Denn auch Dichter müssen Miete zahlen!

Urs Böke ist mir aufgefallen beim Studium der diversen Superbastard Hefte, in denen er des öfteren auftaucht. Seine Art die Welt zu sehen und zu beschreiben, gefiel mir.  Als dann noch bei „Land ohne Verfassung“ stand, dass es ein sehr aufwendig, in schlichter Schönheit gestaltetes Buch ist, welches auch noch in limitierter Auflage erschienen ist,  habe ich zugegriffen. Wann kann mensch schon mal gute Lyrik mit einer Kapitalanlage verbinden?

Geradezu beflügelt von soviel ökonomischer Vernunft, erlaubte ich mir gleich noch ein zweites Buch des Dichters: „Das Land gefährden“.

Was Frau Braun zu den Werken zu sagen hat, wird sie in den nächsten Tagen verkünden.

Um es zukünftigen Lesern leicht zu machen:

LAND OHNE VERFASSUNG

Urs Böke

Gedichte

Edition Footura Black 2013

handgesetzt, limitiert, bibliophil.

Preis: 15,00 €
 
DAS LAND GEFÄHRDEN“

Urs Böke

Gedichte

Po Em Press Verlag 2010

Vorwort von Alexander Scholz

Preis: 6,90 €

(unveränderte Neuauflage)

ISBN 3-933805-03-1

Ratriot Shop

Anne B. Ragde – Die Neshov Trilogie

neshov-saga

Das erste Buch, das ich von Anne B. Ragde las war „… ich werde Dich so glücklich machen“ Das war so ein wunderbares Leseerlebnis, dass es von mir aus niemals hätte enden müssen. Wenn ich mit anderen Lesebesessenen über das Buch und die Autorin sprach, kam immer: Aber kennst du auch die Neshov Triologie? Kannte ich nicht und irgendwie kamen mir auch immer andere Bücher dazwischen. Vor einigen Tagen dann sah ich in der Bücherei „Hitzewelle“, wie ich mittlerweile weiß der 3. Teil. Ich nahm es mit und merkte gleich, das hat so wenig Zweck, Du solltest erst die anderen lesen. Hier zeigte sich wieder wozu Blogs gut sind. Band 1 und 2 lagen eines Morgens in der Post. Noch einmal danke an Gabriele.

Nachdem ich solange schon diese Bücher lesen wollte, habe ich erst einmal alles andere beiseite gepackt und dachte ich lese den 1. Teil und dann irgendwann den 2. Das hat nun so nicht geklappt. Frau Ragde raubt mir den Schlaf. „Das Lügenhaus“ habe ich an einem Tag durchgelesen und dann gleich mit Einsiedlerkrebse angefangen. Hitzewelle habe ich mir bestellt.

Das Lügenhaus erzählt wie sich die Mitglieder der Familie Neshov am Sterbebett der Mutter versammelt. Tor, der den Hof der Familie bewirtschaftet – Schweinezucht – Margido, der Bestattungsunternehmer und Erlend, der jüngste Bruder. Der schwule Schaufensterdekorateur. Und Torunn, Tors Tochter, die ihren Vater nur flüchtig kennt. Die drei Brüder haben kaum Kontakt zu einander. Tor ganze Freude im Leben sind seine Schweine, ansonsten ist er sehr depressiv und festgefahren. Margido hat das Haus der Familie seit 7 Jahren nicht betreten, seit er durch Zufall auf das große Geheimnis im Leben seiner Mutter, Anna, gekommen ist. Erlend, der Homosexuelle, lebt eigentlich das normalste Leben von allen. Er ist seit 12 Jahren in Kopenhagen mit seinem Partner Krumme zusammen. Liebt seine Arbeit als Schaufensterdekorateur und hatte eigentlich nie vor, wieder nach Norwegen zu kommen. Torunn nun, kennt außer Tor niemanden von der Familie.  Durch den Todesfall werden diese Menschen aus ihren Alltag gerissen und kommen zusammen. Es ist auch eine Konfrontation mit der Vergangenheit und so nach und nach kommt heraus auf welchem Lügenberg die Familie lebt.

In Einsiedlerkrebse geht es dann weiter. Alle sind mittlweile in ihre jeweiligen Leben zurück gekehrt, aber eine Verbindung bleibt bestehen. Besonders Torunn wird erneut zu Papa Tor und seinen Schweinen gedrängt und soll nun eine Entscheidung treffen. Als sie sich nicht dazu durchringen kann, hat dies fatale Folgen.

Ich bin von beiden Büchern gleichermaßen fasziniert. Frau Ragde hat eine sehr leichte Art schwere Themen rüber zu bringen, ohne dabei oberflächlich zu werden. Die Charaktere sind sehr liebevoll gezeichnet mit all ihren Brüchen.  Eigentlich hat mensch nie das Gefühl es mit Romanfiguren zu tun zu haben, sondern mit Menschen die nebenan wohnen. Na ja, vielleicht ein wenig nördlicher. Keine süßliche Landleben Idylle sondern Landleben wie es ist, mit allen Härten und Schwierigkeiten.

Ich kann kaum erwarten Teil 3 zu fassen zu kriegen …

Hier übrigens ein Feature mit Anne B. Ragde: