Angst von Dirk Kurbjuweit

Dirk Kurbjuweits Buch lässt mich recht zwei gespalten zurück. In der einschlägigen Presse ist es hochgelobt und wird gerne als Psychothriller bezeichnet. Was ich mehr als unpassend finde.

Handlung:

Die Familie des Architekten Tiefenthaler zieht in eine gut bürgerliche Wohngegend, in den 1. Stock eines eleganten Wohnhauses. Die Familie besteht aus dem Architekten Randolph, seiner Frau Rebecca und 2 wohlgeratenen Kindern. Alles solide Mittelschicht mit einem festen Glauben an den Rechtsstaat.  Dieser wird durch den Mieter der Souterrain Wohnung, Dieter Tiberius, erschüttert. Dieser beginnt die Familie zu stalken, beobachtet genau ihr kommen und gehen, schreibt Briefe mit sexuellen Anspielungen an Frau Tiefenthaler und unterstellt den Tiefenthalers schließlich sie würden ihre Kinder sexuell missbrauchen. Die Familie wendet sich an Anwälte und Polizei und erfährt, dass sich nichts gegen Tiberius unternehmen lässt, da dieser nicht gewalttätig sei. Tiefenthaler ist in seinen tiefen Glauben an den Rechtsstaat erschüttert. Der Protagonist, ist eigentlich eher ein sanfter nachdenklicher Mensch und stark geprägt durch sein Aufwachsen mit einem Vater, der immer Waffen hatte und trug und auch seine Kinder an Waffen heran führen wollte. Tiefenthaler erlebte sehr angstvolle Momente in seinem Elternhaus. So hatte er immer die Befürchtung, sein Vater könnte eines Tages, wegen irgendeiner Verfehlung die Waffe gegen ihn richten und ihn „tot machen“.  Tiefenthaler lehnt Waffen ab, lehnt Gewalt ab und lässt diese doch wieder in sein Leben, als der Rechtsstaat ihm nicht helfen kann.

Das Buch beginnt mit einer unglaublich starken Szene, in der Tiefenthaler seinen Vater im Gefängnis besucht, wo dieser eine Strafe wegen Totschlags an besagten Tiberius verbüßt.

Das, in Ich-Form geschriebene Buch ist also eine Retrospektive auf die Ereignisse. Tiefenthaler beginnt, mit einigen Abstand zu der Tat, die Ereignisse aufzuschreiben. Er reflektiert über seine Kindheit, über das Wesen von Erinnerungen, über Kindererziehung, über seine Ehe, darüber was guten und schlechten Sex ausmacht, bis er schließlich bei der Ermordung Tiberius landet. Bei der Gewalt, die er ja eigentlich ablehnt, aber dann doch in sein Leben lässt. Denn im letzten Kapitel deckt er auf, das er Tiberius getötet hat und sein Vater die Strafe auf sich genommen hat.

Frau Braun meint:

Sicher ein spannendes Buch, wenn auch kein Psychothriller, stellenweise ist es eher ein Gesellschaftsporträt. Auch ist es ein nachdenklich stimmendes Buch, aber auch eines, was in den gängigen Kritiken deutlich überschätzt wird. Jedenfalls sehe ich das so. Sicher ist das Thema ein spannendes. Doppelt, weil diese Stalking-Geschichte tatsächlich in Kurbjuweits Leben stattgefunden hat und ich glaube da liegt der Knackpunkt. Stellenweise hatte ich das Gefühl, das der Autor und sein Protagonist ein wenig durcheinander geraten sind.  Alle Figuren scheinen mir stimmig, bis auf den Protagonisten, der von Kapitel zu Kapitel immer unglaubwürdiger wird. Er beginnt als einer, der Gewalt ablehnt, der Waffen ablehnt, der an den Rechtsstaat glaubt und der eigentlich nur eines will, ein ruhiges Leben in einem einigermaßen Wohlstand und endet, als jemand, der Papi und der Welt zeigen will, dass er doch einer ist, der seine Familie verteidigen kann, wenn der Staat versagt und erschießt kaltblütig einen Menschen via aufgesetzten Kopfschuss. Das passt nicht, zu Mal die Alternative um Ruhe in die Sache zu bringen, ja die ganze Zeit greifbar war. Die Familie hätte ausziehen können.  Das war der Gedanke der mich durchweg beschäftigte, warum ziehen die nicht aus? Sicher kein ruhmreicher Ausweg, aber wenn ich solche Angst um die Sicherheit meiner Kinder und der Menschen meiner Familie hätte, wie sie Tiefenthaler empfindet, dann ist das der Weg den ein Mensch geht, besonders wenn er so hoch moralisch an den Rechtsstaat glaubt und gegen Gewalt ist.

Fazit: Sicher ein gutes Buch.  Aber ganz sicher ist es auch zu sehr hochgejubelt.

Angst – Dirk Kurbjuweit

  • Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Berlin; Auflage: 3 (18. Januar 2013)

About KaBra

Karin Braun, 59 Jahre, begeisterte Leserin und Erzählerin. Im Grunde mache ich dauernd was mit Worten. Entweder lese ich oder ich schreibe und oft schreibe ich über das Gelesene.

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