Nordlicht, Elch und Tannengrün – Die schönsten Weihnachtsgeschichten aus Skandinavien

Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann haben diese wunderschöne Sammlung von Weihnachtsgeschichten aus Skandinavien zusammengestellt und herausgegeben. So schöne und so vielfältige Geschichten, die sich nicht nur zur Weihnachtszeit lesen lassen. Bekannte und weniger bekannte Autor*innen und Übersetzer*innen steuern das ihre zu diesem Reigen bei. Ingvar Ambjørnsen, Selma Lagerlöf und Levi Henriksen sind mit von der Partie. Levi Hendriksen ist sicher vielen durch die Verfilmung seiner Weihnachtsgeschichtensammlung Home for Christmas bekannt und zeigt auch hier wieder seine Kunst in voller Breite. Vigdis Hjorth nimmt uns in ihrer Geschichte mit in die Gedankenwelt einer Alkoholikerin, die ihren Kindern versprochen hat, zum Weihnachtsfest nüchtern zu bleiben, Anette Sørensen-Habel lässt ihre Protagonistin auf der Straße der Erinnerungen wandeln, während sie mit ihrer Freundin Weihnachten feiert. Ach es sind so viele, so wunderschöne, so vielfältige und berührende Geschichten, die sich hier versammelt haben und die sich auch wunderbar zum Vorlesen eignen.

Nordlicht, Elch und Tannengrün – Die schönsten Weihnachtsgeschichten aus Skandinavien

Herausgeber*innen: Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann

Taschenbuch, Knaur TB 
02.11.2017, 320 S.
ISBN: 978-3-426-52074-1

Preis: 9,99 €

Die Lieferantin von Zoë Beck

In der Londoner Drogenszene kocht es. Die alteingesessenen Großdealer sind beunruhigt, sogar sehr, denn es gibt einen neuen Stern am Himmel. Die Lieferantin, die ihre qualitativ ausgezeichnete Ware über das Darknet anbietet und den Stoff via Drohnen ausliefert. Doppelt bedrohlich ist, dass sie zu einem Zeitpunkt auftaucht, an dem in Großbritannien, nach dem Brexit über den Druxit angestimmt werden soll. Der Druxit bedeutet, dass die Drogengesetze verschärft werden sollen und das Süchtige zukünftig selbst für die Folgen ihrer Sucht zahlen sollen. Auf Elly Johnsons, die Lieferantin wird ein Kopfgeld ausgesetzt … und sie braucht einen neuen Zulieferer, der alte wurde tot aus der Themse gefischt.

Wie immer gelingt es Zoë Beck, nicht nur einen spannenden Krimi zu schreiben, sondern auch die aktuellen politisch relevanten Themen anzusprechen. Zunehmende Überwachung und das Ansteigen von Rassismus und Gewalt im Post-Brexit London, welches die Autorin ein wenig die Zukunft verlegt hat. Die Lieferantin ist nicht einfach nur ein spannender Krimi, es ist ein Blick in die Zukunft.

Ein gut aufgebauter Thriller, der sich durch starken Charaktere, politische Aktualität und einem spannenden Plot auszeichnet. Sehr empfehlenswert.

 

0-1-0-1 von Elisabeth Strasser

Daniel ist arbeitslos, Moni ein wenig naiv und auf der Suche nach einem Ehemann, der Rechtsanwalt Michael gerät durch Zufall in das Spiel, wie auch der Kleinkriminelle Oliver. Alle diese Personen verschlägt es in das Computerspiel Wandell, alle diese Personen sind auf die eine oder andere Art im physischen Leben mit einander verbandelt. In Wandell kämpfen sie, als Zwerge, Meister, Ritter, Boten für die eine oder andere Seite. Denn Wandell ist, wie könnte es anders sein, von einer dunklen Macht bedroht. Nach und nach beginnt sich das virtuelle Leben und das physische Leben der Akteure zu vermischen.

Elisabeth Strassers Geschichte beginnt von einem interessanten Ansatz aus, hat allerdings ihre Schwächen. Sie ist spannend, dass schon, aber, mal abgesehen von so einigen Logikfehlern, liest sie sich unausgewogen und es fällt schwer in die Handlung zu kommen, weil sie auf der Fantasie-Ebene einsetzt. Doch trotz dieser Schwächen, habe ich die Geschichte gerne gelesen, was daran liegt, dass die Autorin spannend zu erzählen weiß und was die erwähnten Schwächen betrifft, nun, eigentlich schaden sie nichts, denn sie regen zum Denken an und zu interessanten „Wie hätte es denn noch sein Können-Überlegungen“.

Das Ohr des Kapitäns von Gisbert Haefs

Gisbert Haefs Spezialität ist es historische Themen spannend zu erzählen. Auch mit Das Ohr des Kapitäns ist ihm dieses wieder einmal gelungen. Der Roman handelt vom 1739 beginnenden Kolonialkrieg zwischen Engländern und Spanien, die um die Vorherrschaft in der neuen Welt stritten. Ausgelöst wird dieser Krieg durch ein Ohr, welches einem englischen Handelskapitän von einem spanischen Küstenwächter abgeschlagen wird. Weitere Zutaten sind ein Schatz, verwickelte Handelsrechte, Piraten, Sklavenhandel und Schmuggelei.

Der Autor erzählt seine Geschichte aus verschiedenen Perspektiven und so entsteht ein gelungener bunter Reigen, voller Abenteuer und opulenter Bilder.  So macht Geschichte Spaß.

Wie kaum ein zweiter versteht Gisbert Haefs es Fakten und Fantasie miteinander zu verbinden, so dass ein anschauliches Bild der Vergangenheit entsteht und die Leser in diese mitnimmt. Am Ende hat man nicht nur von den Geschehnissen gelesen, man ist dabei gewesen.

Das Ohr des Kapitäns

Autor: Gisbert Haefs

Verlag. Heyne

ISBN: 978-3-453-26930-9

Preis: 19,99 €

Zwei rechts, zwei links von Ebba D. Drolshagen

Stricken ist in. Wenn man mit der Bahn fährt oder im Café sitzt, so findet sich immer eine, denn meistens ist es eine Frau, die ihr Strickzeug aus der Tasche nimmt und strickt. Was liegt also näher, als ein Buch über das Stricken zu schreiben? Und warum gibt es zwar massig Anleitungsbücher und Plattformen zum Thema, aber keine Kulturgeschichte des Strickens, beginnt man sich da zu fragen. Nun, diese Not hat ein Ende, denn Ebba D. Drolshagen hat sich der Sache eingenommen und dieses Buch geschrieben.

Es ist ein wundervolles Buch geworden. Man merkt die Liebe, die die Autorin für ihr Thema hegt, in jedem Kapitel. Ich selber stricke, seit ich es in der vierten Klasse gelernt habe und ehrlich gesagt, habe ich mir nie groß Gedanken darüber gemacht welche Geschichten daranhängen. Es war etwas alltägliches. erst beim Lesen von Zwei rechts, zwei Links, wurde mir klar, wie reichhaltig die Geschichte des Strickens doch ist und wie vielfältig. Da gibt es die verschiedenen Muster, die in verschiedenen Gegenden der Welt entstanden, die Wollarten und das Färben von Wolle. Stricken war nicht immer ein nützliches Hobby, wie heutzutage gewesen, es war Broterwerb und bittere Notwendigkeit in vielen Gegenden. Es wurde als Erziehungsmaßnahme für Mädchen angewandt, damit diese nicht auf lüsterne Gedanken verfielen. Es war und ist präsent in nahezu allen Kulturen.

Ebba D. Drolshagen schreibt locker und kenntnisreich über dieses Thema. Sie erzählt Geschichten, Anekdoten und Geschichte. Und spannt einen Bogen von der ersten Masche bis zu Ravelry, der Plattform für StrickerInnen im Internet. Das Buch ist spannend geschrieben und ich werde noch lange Freude daran haben, denn es ist eines von denen, in die ich immer einmal wieder gucken werde.

Zwei rechts, zwei links – Eine Geschichte des Strickens

Autorin: Ebba D. Drolshagen

Vorwort: Martina Behm

Verlag Suhrkamp

ISBN 978-3-518-46814-2 

Preis: 18,00 €

Auch als E-Book erhältlich

Lügenland von Gudrun Lerchbaum

Am Vorabend ihrer Hochzeit erschießt die Soldatin Mattea, unter  Einfluss von Alkohol und Drogen, eine Freundin. Eigentlich die Freundin ihrer besten Freundin. Auf ihrer Hochzeitsfeier wird sie verraten und muss fliehen. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Geschichte nicht im heutigen Österreich spielt, sondern in einem in einer nicht allzu fernen Zukunft. Einer Zukunft, in der der Traum Europa ausgeträumt und Österreich ein faschistisch regiertes Land ist. Die Bürger werden mittels Fonbändern, über die sie im Internet surfen, Bezahlungen tätigen, Nachrichten empfangen, sich ausweisen, sowie durch nahezu flächendeckend installierte Kameras, überwacht. An allen öffentlichen Einrichtungen und Plätzen sind meterhohe und -breite Mediawände aufgestellt, über die Nachrichten laufen, was eine Flucht natürlich deutlich erschwert. Zu allem Überfluss wird Mattea auch noch mit einer flüchtigen Terroristin, mit Ina Mattusek, verwechselt.

Im Grunde ist diese Mattea linientreu. Klar, sie ist nicht glücklich bei der Miliz, darum hat sie sich zu einer arrangierten Ehe entschlossen, um dem Dienst zu entgehen. Denn wer Mutter und Ehefrau wird, leistet seinen Beitrag für das Vaterland und ist aus der Schusslinie.  Ihr ist bewusst, dass vieles schief läuft, glaubt aber auch der Propaganda der Herrschenden, dass es nun einmal nötig ist Opfer zu bringen. Nach einer recht wilden Flucht gelingt es ihr, sich nach Linz zu ihrer Großmutter väterlicherseits durch zuschlagen, die sie mit der Widerstandsbewegung in Kontakt bringt, die ihr, in dem Glauben, es mit Ina Mattusek zu tun zu haben, hilft. Während dessen behaupten die Medien, sie hätten die wahre Ina Mattusek gefangen genommen und ein perfides Spiel mit den Identitäten der beiden Frauen beginnt.

Gudrun Lerchbaum hat mit Lügenland ein aktuelles Buch geschrieben. Ein wichtiges Buch. Anhand der Geschichte von Matteas Flucht zeigt sie, wie brüchig das Weltbild wird, wenn man über seinen Tellerrand hinausgeschubst wird. Wenn die alten Regeln und vermeintlichen Sicherheiten nicht mehr gelten. Ihre Protagonistin ist keine typische Heldin, ja, sie ist nicht einmal sonderlich sympathisch. Wie auch, denn wenn wir sie kennenlernen, hat  sie gerade scheinbar grundlos eine Freundin erschossen. Mattea sie ist einfach in eine Situation geraten, in der es nur noch ums Überleben geht und das ist etwas was sie beherrscht. Mir hat die Entwicklung gefallen, die die Autorin ihre Protagonistin machen lässt. Sie gewinnt Erkenntnis über die Machenschaften der Regierung und deren Mechanismen, aber sie wird nicht von einer Saula zur Paula. Sie sieht auch die weiter kritisch, die einen Umsturz wollen, denn die bedienen sich im gleichen Maße der Lüge und der Manipulation, um ihre Ziele zu erreichen, wie die, die sie bekämpfen. Gerade wegen ihrer Brüche und ihrer Kanten, ist Mattea, eine glaubhafte Figur. Eine die im Laufe der Geschichte immer dreidimensionaler wird.

Lügenland lässt sich nur schwer einem Genre zuordnen, was mir außerordentlich gut gefällt. Doch in eine Kategorie gehört es für mich eindeutig: Wichtiges Buch, das viele Leser*innen finden sollte.

Lügenland

Autorin: Gudrun Lerchbaum

Verlag: Pendragon

ISBN  978-3-86532-550-1

Preis: 17,00 €

The last wild witch von Starhawk

Schon vor einiger Zeit habe ich meinen Enkelkindern obiges Buch geschenkt, und sie lieben es. Mir geht es genau so.

Starhawk ist eine Autorin die ich seit den späten 70zigern lese. Sie war eine der ersten Autor*innen bei der Spiritualität, Feminismus und Politik  sich nicht ausschlossen. So war ich natürlich entzückt, dass sie auch ein Kinderbuch geschrieben hat. Wunderschön illustriert von Lindy Kehoe und herausgegeben von Mother Tongue.

Die Geschichte spielt in einer perfekten Stadt, in der alles geordnet ist, nur im Wald lebt die letzte wilde Hexe und kocht dort ihre magische Suppe, mit der sie die Tiere und die Bäume heilt, wenn sie sich schwach fühlen und nachts trommelt und sind sie und wenn der Wind aus Westen weht, dann dringt der Geruch ihrer magischen Suppe und der Klang ihrer Trommel in die Kinderzimmer und die Wildheit erwacht wieder in den perfekten funktionieren Kindern; plötzlich mögen sie nicht mehr in der Reihe gehen und ruhig sein, sondern wollen springen, laufen und draußen sein. Das passt den Erwachsen natürlich nicht und sie wollen den Wald abholzen und die Hexe vertreiben, doch die Kinder warnen die Hexe und die kocht ihre magische Suppe und trommelt und … am Ende tanzen alle gemeinsam recht ungeordnet, aber fröhlich.

Es ist ein Buch, von dem ich mir wünschen würde, dass es auf Deutsch erscheinen würde. Es geht aber auch so, wie ich es zur Zeit mache, ich lese erst auf englisch und übersetze dann für die Kinder und nebenbei lernen sie auch einige Worte Englisch.

The Last Wild Witch

Café Morelli von Giancarlo Gemin

Das Café Morelli befindet sich in einer kleinen Stadt in Wales und kurz vor dem Aus. Seit der Bergbau nicht mehr floriert, geht es auch mit Bryn Mawr bergab. Joe möchte das Café seines Großvaters retten, während seine Mutter, die momentane Besitzerin, es müde ist, um die Existenz zu kämpfen. Doch Joe gibt nicht auf, denn er ist stolz auf das Café, welches sein Urgroßvater 1928 gegründet hat und er ist stolz auf seine italienische Herkunft. Dann erleidet der Großvater einen Schlaganfall und zu Joes Sorgen um das Café, kommt die Sorge um den Großvater. Während dieser sich erholt, bringt Joe im ein Diktiergerät ins Krankenhaus und bittet ihn die Geschichte der Familie und des Cafés auf Band zu sprechen.  Zusätzlich für Aufregung sorgt Kusine Mimi, die aus Italien angereist kommt. um zu helfen und wundervoll kochen kann.

Das erste Buch, das ich von Giancarlo Gemin las, war sein Erstlingswerk Milchmädchen. Wie auch Milchmädchen spielt Café Morelli in Bran Mamwr, allerdings nicht so sehr am Rande. Doch auch in der Innenstadt und auf der High Street, wo das Café Morelli steht, ist der Verfall zu merken. Giancarlo Gemin Protatonistinnen sind immer ein wenig Außenseiter, sie sind nicht die coolsten, nicht die schönsten Jugendlichen, aber sie sind nicht bereit sich mit etwas abzufinden, was sie als falsch empfinden und sie suchen und finden originelle Wege, um Abhilfe zu schaffen. Ich mag Bücher für junge Leserinnen, in denen die Autoren, ihre Held*innen auf Augenhöhe angehen. Was mir bei Gemin besonders gut gefällt, seine weiblichen Figuren sind keine quietschenden Girlies sind, sondern recht taff. Überhaupt hat dieser Autor eine unauferegte Art Misstände zu benennen, er verschwendet keine Zeit mit Schuldzuweisungen, sondern ermutigt nach Lösungen zu suchen. Eine wichtige Botschaft, in diesen unseren Zeiten, in denen Schuldzuweisungen Hochkonjunktur haben. Wunderbar auch, wie er ein Stück Einwanderergeschichte einfließen läßt, in dem der Großvater über die Geschichte der Familie spricht.

Café Morelli

Autor: Giancarlo Gemin

Übersetzerin aus dem Englischen: Gabriele Haefs

Verlag: Carlsen

Bergljots Familie von Vigdis Hjorth

Eine gutbürgerliche Familie, der Vater stirbt, und was zu erst wieder der Streit um zwei Sommerhäuser aussieht, eskaliert mehr und mehr und es wird klar, im Grunde geht es um etwas ganz anderes. Bergljot, die älteste Schwester und das zweitälteste Kind der Familie, hatte sich vor dreiundzwanzig Jahren von ihrer Familie losgesagt, nachdem sie während ihrer Psychoanalyse entdeckt hat, dass sie als kleines Kind vom Vater missbraucht wurde. Die MuttEer nennt sie eine Lügnerin, obwohl Bergljot sich an Fragen und Gespäche mit der Mutter erinnert, die darauf schließen lassen, dass sie zumindest etwas geahnt hat. Der ältere Bruder hat sich bereits von der Familie zurück gezogen, die jüngeren Schwestern stellen sich auf die Seite der Eltern, wobei eine versucht auch Kontakt zu Bergjlot zu halten. Für diese lebt nun alles wieder auf und sie wird mit den alten Dämonen konfrontiert und mit der Ungerechtigkeit, dass ihre Geschichte nicht zählt, dass die Familie sie nicht ernst nimmt, sondern im Gegenteil sie, das Opfer, zur Schuldigen macht, die die Familienidylle stört.

Vigdis Hjorth hat bereits mehrfach klar gestellt, dass es sich nicht um eine autobiografische Geschichte handelt, obwohl sich natürlich Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben verarbeitet hat, wie sie es in all ihren Büchern tut. Für die Leser*innen kann das auch egal sein. Auf alle Fälle hat sie wundervoll sensibles, trauriges, poetisches Buch zu einem heiklen Thema geschrieben und gewährt einen tiefen Einblick hinter die Kulissen einer Familie, in der, wie in so vielen, bei weitem nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Ich habe vieles wiedergefunden, was ich aus meiner eigenen Geschichte kenne.

Bergljots Familie ist für den wichtigsten Literaturpreis Skandinaviens, den Nordic Council Literature Prize, nominiert.

Bergljots Familie

Autorin: Vigdis Hjorth

Übersetzerin: Gabriele Haefs

Verlag: Osburg Verlag

Maeve Brennan

Im Oktober 2013 war ich in der Stadtbücherei, meistens habe ich dort online bestellt was ich brauche und hole es nur ab. An diesem Oktobertag war das anders. Ich erinnere mich an dieses scheußliche Gefühl, das alle leidenschaftlichen LeserInnen kennen, die Regale sind voll, aber man hat nichts, aber auch gar nichts zu lesen. Also dachte ich, guck doch mal in die Bib, vielleicht findest du etwas. So strich ich die Regale entlang, zog da einmal ein Buch heraus, steckte es wieder zurück, ging weiter und plötzlich fiel mir aus dem BR-Regal Mr. und Mrs. Derdon von Maeve Brennan vor die Füße, dessen Titelbild eine sehr schöne Frau zierte. Warum ich es zurückstellte weiß ich gar nicht mal, vielleicht weil mir der Name der Autorin nichts sagte, vielleicht weil ich keine Kurzgeschichten lesen wollte, sondern einen schönen dicken Roman. Wie auch immer, ich ging weiter und, was soll ich sagen, auf dem Rückweg fiel mir das Buch wieder vor die Füße. Jedenfalls nahm ich es als göttliches Zeichen, dass ich Maeve Brennan lesen sollte und lieh es aus. Abends begann ich zu lesen und am nächsten Tag bin ich sofort wieder in die Bib und habe mir Die Besucherin von M. B. geholt. Mehr war dort nicht zu kriegen und andere Bücher kamen. Allerdings gingen mir die Geschichten nie aus dem Kopf. Beim Lesen dachte ich damals, Maeve Brennan ist in der Lage einen Roman in einer Kurzgeschichte zu erzählen. Auf vielleicht 20 Seiten entfaltet sie eine Geschichte von so einer Vielschichtigkeit, für die andere AutorInnen 300 Seiten gebraucht hätten. Man kann sich also vorstellen, wie entzückt ich war zu erfahren, dass der Steidl Verlag ihre Sämtlichen Erzählungen herausbringt und dass ich 3 1/2 Jahre vor dem Literarischen Quartett auf diese Autorin gestoßen bin.

Maeve Brennan wurde 1917 in Dublin geboren. 1934 siedelte sie mit ihrer Familie nach New York über, wo ihr Vater als erster Gesandter der Irischen Republik tätig war. Sie arbeitete als Werbetexterin für Harpers Bazar und schrieb für den New Yorker. Mit ihrem Ehemann, St. Clair McKelway, seines Zeichens Chefredakteur, des New Yorkers, lebte sie in Sneden’s Landing, einer kleinen Siedlung in der Nähe von New York, wo sie auch ihre Inspirationen zu „Tanz der irischen Dienstmädchen“ fand. Sie litt unter schizophrenen Anfällen und starb einsam und verarmt 1993 in New York.

Der Steidl Verlag hat die Sämtliche Erzählungen von Maeve Brennan, in der Übersetzung von Hans-Christian Oeser, anlässlich ihres 100. Geburtstag herausgebracht.