Irmgard Keun – Nach Mitternacht – Ein Leben von Katja Kulin

Irmgard Keun – Nach Mitternacht – Ein Leben

Autorin: Katja Kulin

Romanbiografie

  • Verlag Herder
  • 1. Auflage 2015
  • Kartoniert
  • 256 Seiten
  • ISBN: 978-3-451-06756-3
  • Preis: 14,00 € Kart/10,99 € epub

 

Ich habe dieses Buch zufällig bestellt. Habe nur Nach Mitternacht gelesen und dachte, es mit dem berühmten Werk von Irmgard Keun zu tun zu haben. Nun das war es nicht, sondern eben eine Romanbiografie.

Katja Kulin beginnt ihre Romanbiografie mit dem Tag, an dem Irmgard Keun beschließt Schriftstellerin zu werden. Mit der Schauspielerei hat es nicht so recht geklappt und da es nun mal doch die Kunst sein sollte, begann Frau Keun zu schreiben. Zum Glück für uns alle. Allerdings begann sie ihre Laufbahn als Autorin zu nicht so schönen Zeiten. 1931 erschien ihr erstes Buch Gigli, eine von uns, 1933 folgte Das kunstseidene Mädchen und bereits 1936 verbrannten die Nazis ihre Bücher und nach einem langen Kampf um weitere Veröffentlichungen in Deutschland, ging die Autorin ins Exil nach Ostende.

Katja Kulin hat sich für die Form der Romanbiografie entschieden. Ich wünschte sie hätte es nicht getan, sondern eine Biografie geschrieben. Das die Autorin Wissen und Fakten über Irmgard Keun hat, steht außer Frage, allerdings gelingt ihr das Gleichgewicht nicht immer. Das ist schade.

Auch wenn das Genre nicht meinen Geschmack getroffen hat, so hat es mir doch Irmgard Keun nahe gebracht.

 

Die letzte Reise meiner Mutter von Anne B. Ragde

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Die letzte Reise meiner Mutter

Autorin: Anne B. Ragde

Übersetzerin aus dem Norwegischen: Gabriele Haefs

Verlag: btb/ ISBN: 978-3-442-74984-3

Preis: 9,99 €

„Verstreut meine Asche am Strand in Dänemark“

Das ist der letzte Wunsch von Birte Solveig, Mutter von Anne B. Ragde und Elin, der jüngeren Schwester der Autorin. Doch es dauert, bis es dahin kommt. Monate des Wartens, des Pflegens, des aus dem Koffer lebens und Monate der Gespräche. Gespräche, die oft mit „weißt du noch“ beginnen, aber eben auch oft mit „Warum hast du damals?“ ihren Anfang nehmen. Dazwischen der Alltag und das sich arrangieren mit den lieblosen, fahrlässigen Verhältnissen im staatlichen Pflegeheim. Eine Klage gegen die dortigen Missstände wird vom Bezirksamt letztlich folgender Maßen beantwortet.

Das Recht auf notwendige Gesundheits- und Pflegedienste beinhaltet nicht das Recht auf optimale Wahrung des Lebensstandards, soll jedoch einen gewissen Mindesstandard nicht unterschreiten.

Schon in Das Erbstück hat Anne B. Ragde über ihre Mutter geschrieben. Damals über deren Kindheit und in fiktiver Form. Die letzte Reise meiner Mutter ist ein zu tiefst berührendes Buch und, was bei der Thematik erstaunlich ist, an keiner Stelle kitschig. Sehr empfehlenswert.

Zum 75. Todestag von Virginia Woolf

Liebe Virginia,

heute vor 75 Jahren hast du dich zu deinem finalen Bad in der Ouse aufgemacht um so deinem Leben ein Ende zu setzen. Als Begründung führtest du deine Angst an, erneut verrückt zu werden und diesmal nicht mehr die Kraft zu haben, dich aus diesem Zustand zu befreien. Das Kuriose daran ist, dass du dich zu einer Zeit fürchtetest, verrückt zu werden, in der die ganze Welt wahnsinnig war.
Wann habe ich eigentlich zuerst von dir gehört, habe ich etwas von dir gelesen? Ich glaube, ich war 20, als ich Mrs. Dalloway las, und ich war so beeindruckt, dass ich mehr über die Autorin erfahren wollte. Also begann ich zu lesen, was immer mir in die Hände fiel. Eines der ersten Bilder, die ich von dir sah, war das, welches auch die Biografie ziert, die Hermione Lee über dich verfasst hat.
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Es zeigt dich im Profil und hinterlässt den Eindruck einer sensiblen jungen Frau, die du ja auch warst. Fast ein wenig ätherisch wirkst du auf diesem Foto und als ich erfuhr, dass du akustische Halluzinationen hattest, schien es mir nicht abwegig. Zum einen, weil »mehr hören« als andere, zu diesem Foto passte und zum anderen, weil mir das Phänomen nicht fremd ist. Im Laufe der nächsten Jahre erfuhr ich viel über dich. Alles aber nur Fetzen, die das Bild was ich mir machte, immer wieder veränderten. Da war die hypersensible, wahrscheinlich von ihrem Stiefbruder missbrauchte Virginia, da war die kraftvolle Stimme, die mit ihren Essay »Ein eigenes Zimmer«, so vielen Frauen Mut gemacht hat zu schreiben. Du hast dich danach gesehnt zu studieren, was aber nicht möglich war, weil eine Universitätsbildung nur für deine Brüder vorgesehen war. In einem Buch las ich sogar, dass du Antisemitin wärst. Was ich in Anbetracht deiner Ehe mit Leonard Woolf eher unwahrscheinlich fand. Der Verfasser des Artikels machte es übrigens an der Tatsache fest, dass du ab und an bei Tisch gesagt haben sollst: »Gebt dem Juden sein Fleisch!«, wenn jemand Leonard den Teller mit dem Braten reichen sollte. Da dachte ich, sind nun alle antisemitisch, wenn sie aus Shakespeares »Kaufmann von Venedig« zitieren? Im Laufe der Jahre hat man immer wieder versucht dich in einen Rahmen zu setzen, was gründlich misslang. Man versuchte zu klären, welcher sexuellen Richtung du zuzuordnen wärst (als wenn deine Präferenzen in diesem Bereich irgendwie wichtig wären oder irgendjemanden etwas angingen) und man versuchte zu entscheiden, ob du nun geistig krank warst und darum so schreiben konntest, wie du schriebst oder ob das Schreiben deine Krankheit bewirkte. Im Grunde läuft es wohl darauf hinaus, dass du in keinen vorgefertigten Rahmen passt und auch nicht die geringste Lust hattest, dich für einen passend machen zu lassen und das ist auch gut so!
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Mir jedenfalls hast du durch deine Bücher viel gegeben und dafür danke ich dir. Zur Erinnerung werde ich heute nicht noch einmal »Wellen« oder »Die Fahrt zum Leuchtturm« lesen, sondern mir »The Hours« oder »Mrs. Dalloway« ansehen. Heute ist mir nach Filmen und beide sind ausgezeichnet.

Schritt für Schritt von Herbjørg Wassmo

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Herbjørg Wassmo, erzählt in diesem autobiografischen Roman von ihrem Leben und wie sie Schritt für Schritt zu der wurde, die sie nun ist: Nämlich Norwegens meistgelesenste Schriftstellerin. Dorthin war es ein langer Weg und es war kein leichter. Das Verhältnis zum Vater ist gespannt und von Abscheu geprägt, ihr Verhältnis zur Mutter ist innig, aber auch distanziert. Als sie selber jung und unverheiratet Mutter wird, versucht sie trotzdem Abitur zu machen und scheitert. Schließlich eine Ausbildung zur Lehrerin, Ehe, zweites Kind und eine Anstellung, gemeinsam mit dem Ehemann der ebenfalls Lehrer ist, hoch im Norden. Dort findet sie dann auch zum Schreiben und nach und nach hat sie Erfolg.

Herbjørg Wassmo erzählt in ihre Geschichte nicht im Präsens. „Sie“ ist es in deren Leben sie uns mitnimmt und damit schafft sie eine angenehme Distanz zu der, die sie einmal war, und zu den Verletzungen, die auf dem Lebensweg liegen. „Sie“ ist keine, die es sich einfach macht. „Sie“ begehrt auf gegen Chauvinismus, dem sie in allen Phasen ihres Lebens begegnet und geht ihren Weg. Sie beginnt kurz vor dem Erscheinen ihres ersten Romans ein Literaturstudium und widmet sich, nach dem dieser vom Norwegischen Rat mit einem Preis bedacht wurde, ausschließlich dem Schreiben.

Mich hat das Buch tief berührt. Da ist einmal die Sprache, mit der die Autorin sowohl die Landschaft im Norden, als auch „Sie’s“ Seelenlandschaft beschreibt.

Fazit: Sehr empfehlenswert

Schritt für Schritt von Herbjørg Wassmo ist im Argument Ariadne Verlag erschienen und wurde aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs übersetzt.

Mehr Informationen finden sich hier: http://www.argument.de/belle_index_reload.html?ea/wassmo3_schritt.html

 

Wer nicht alt werden will, muss vorher sterben – Luisa Francia

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Ich gehe ja nun auch auf die 60 zu und das Thema altwerden und wenn ja, wie, ist natürlich präsent. Da ich wusste, dass Luisa Francia gemeinsam mit ihrer Schwester die Mutter gepflegt hat, und sie selbst auch so einige Zipperlein plagen, dachte ich, dass könnte interessant werden … wurde es aber nicht.

Der Untertitel „Nachdenken über die letzte Lebenszeit“ versprach, ja doch ein wenig mehr in die Tiefe zu gehen. Das wurde es nur bedingt. Das Buch enthält einige sehr anrührende Stellen. Etwa den Brief zum 10 Todestag einer besonderen Freundin und einen Bericht über einen schweren Unfall der Autorin. Ansonsten bietet es nicht viel neues. Fazit ist: Sieh zu das du eine Alternative findest, die zu dir passt, wenn du nicht im Heim landen willst. Was diese Alternativen betrifft, welche es gibt, welche es geben könnte, hätte gerne ein wenig substanzieller behandelt werden können. Dann folgen noch 30 Ratschläge wie man sich das Altwerden erleichtern kann. Da war auch nichts ungewöhnliches dabei. Auch das nicht unwichtige Thema Sterbehilfe kommt deutlich zu kurz. Das wird nur mal so am Rande gestreift.

Ein weiteres Ärgernis ist die Aufmachung. Seit Luisa Francia zu Nymphenburger – Herbig gewechselt ist, kommen ihre Bücher nur noch als Hardback heraus und sind entsprechend teuer. Für ein Buch, welches nun auch an Inhalt einiges an Substanz bietet, zahle ich gerne einen gewissen Preis, aber das hier ist schon toll. Breite Ränder, oben und unten, eine relativ große Schrift, viel Platz zwischen den Absätzen. So stimmen inneres und äußeres dann doch überein, bieten aber zu wenig.

 

Die Manns – Tilmann Lahme

Die Manns

Zu erst dachte ich: Ach nee, nicht noch ein Buch über die „amazing family“, dann hörte ich so einiges und auf einmal war ich doch neugierig, was der Herr Lahme da zusammengetragen hat. Um es gleich vorweg zu sagen: Viel Neues ist nicht dabei! Wie denn auch, über die Manns ist soviel geschrieben worden und seit Breloers Film sind wir bestens informiert. Aber da ich doch neugierig war, habe ich es gelesen.

Herr Lahme beginnt 1922 und geht dann chronologisch vor. Seine Erkenntnisse entstammen der Sichtung der Korrespondenz, welche die Familienmitglieder untereinander führten und so wird einiges über die finanziellen Verhältnisse deutlich klarer und auch wie es so ist hauptberuflich Kind von Thomas Mann zu sein.

Das Buch ist recht flüssig geschrieben und lässt sich gut lesen. Was den Erkenntnisgewinn betrifft, so haben geht es mir halt wie den meisten Kritikern die schon viel über Thomas Mann & Co. gelesen haben. Für jemanden der das nicht hat, bietet dieses Buch einen schönen Überblick.

Was ich, na vielleicht nicht schockierend, aber doch verblüffend fand, war die Einigkeit der Familie in Bezug auf Monika Mann. An der wurde von keinem ein gutes Haar gelassen. Überhaupt dachte ich beim Lesen „Die Parasiten“ hätten als Titel besser gepasst. Schon in früheren Publikationen war ja klar in welchen Maße dem „Werk“ alles untergeordnet wurde und wie gnadenlos Familie, Freunde und alles und jeder in den Romanen Thomas Manns verbastelt wurde. Klaus Mann hielt es dann auch ähnlich.

Mehr Infos:

http://www.fischerverlage.de/buch/die_manns/9783100432094

How to be irish von David Slattery

How to be irish

Autor: David Slattery

Originaltitel: How To Be Irish
Originalverlag: Orpen Press
Aus dem Englischen von Gabriele Haefs

DEUTSCHE ERSTAUSGABE

Paperback, Klappenbroschur, 320 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-442-75484-7
€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 20,50 * (* empf. VK-Preis)

Sie planen ihren Urlaub in Irland zu verbringen oder gar sich dort niederzulassen? Dann sofort los und dieses Buch kaufen. Ebenfalls auf den Weg ins nächste Buchgeschäft sollten sie sich machen, wenn sie Insiderwissen über Irland wünschen oder einfach nur Spaß an anthopologischen Beobachtungen haben. Der Sozialanthropole David Slattery hat sich seiner Landleute angenommen und will es angehenden Plastic-Paddys (Zugereisten) und Touristen leichter machen, sich durch den irischen Alltag zu bewegen ohne ungewollte Fauxpas zu begehen. So erfahren wir beim Lesen, dass wir uns als Besucher der Insel als erstes von der Vorstellung trennen sollten, dass in Irland englisch gesprochen wird. Es klingt zwar wie englisch, ist aber etwas das sich Hiberno nennt. Was bedeutet, die Wörter und Redewendungen klingen zwar gleich, aber haben eine völlig andere Bedeutung.  Fragt zum Beispiel jemand: Wie geht es Dir? So bitte keinesfalls eine tatsächliche Erklärung der Gemütslage liefern. Es ist nur eine Form von „Hallo“ in dem ein „geh bloss schnell weiter“ mitschwingt.

Wichtig auch die Hinweise wie sich auf Beerdigungen, Hochzeiten und im Bewerbungsgesprächen zu verhalten ist. Auch scheint der Pub Besuch ein Minenfeld zu sein, in dem man leicht Fehler begehen kann. Es wird eindringlich erläutert, wie man richtig in sein Pint weint, um sich nicht allzu sehr von den Einheimischen zu unterscheiden.

David Slattery´s äußerst unterhaltsame Anleitung zum Irish-Sein hat sehr viel Spaß gemacht und mich nun schon zweimal bis 03:00 Uhr nachts wachgehalten … meinen Mann auch, weil ich an einigen Stellen derartig lachen musste, dass er wieder wach wurde.

Hunnen und Rebellen von Jessica Mitford

Jessica Mitford
Hunnen und Rebellen
Aus dem Englischen und mit einem Nachwort und Anmerkungen von Joachim Kalka
336 Seiten · Halbleinen · fadengeheftet · 134 x 200 mm
3. Auflage
Frühjahr 2013
ISBN 978-3-937834-60-3
EUR 25,00

Jessica Lucy Miford wurde 1917 in Oxfordshire, als Tochter eines Landadeligen geboren und wuchs auf, wie es für eine Mädchen aus der besseren Gesellschaft sein sollte. Ebenso wie ihre sechs Schwestern.  Mit achtzehn wird sie in die Gesellschaft eingeführt und ist im Herzen doch schon Kommunistin, wenigstens im weitesten Sinne. Auf alle Fälle lehnt sie den Faschismus ab und brennt schließlich mit ihrem Vetter und späteren Eheman Esmond Romilly durch, um sich im spanischen Bürgerkrieg auf der antifaschistischen Seite zu engagieren. Was natürlich einen Skandal auslöst.

In Hunnen und Rebellen erzählt sie von ihrer Kindheit, von ihren Geschwistern, besonders von ihrem  Verhältnis zu ihrer Lieblingsschwester Unity, Boud genannt, die sich aktiv für den Faschismus einsetzte und eine glühende Hitlerverehrerin war. Während Unity und Diana Mitford-Mosley (verh. mit dem Faschistenführer Oswald Mosley), also auf dieser Seite standen, entwickelte sich Jessica, wie sie es nennt, zum roten Schaf der Familie.

Die Flucht mit Vetter Esmond ist natürlich ein Skandal und führt zur Trennung von der Familie. Esmond und sie heiraten schließlich und machen sich nach Stationen in Spanien, Frankreich, London, nach Amerika auf. Eigentlich wollten sie dort Vorträge über die kuriosisten Themen halten, aber meistens schlagen sie sich mit Gelegenheitsjobs durch. Schließlich betreiben sie eine Bar in Miami, bis England in den 2. Weltkrieg eintritt und Esmond Romilly sich bei einer kanadischen Fliegerstaffel meldet. Jessica kommt bei Freunden in Washington unter und beginnt eine Ausbildung zur Journalistin.  Dort endet das Buch. Esmond Romilly stirbt 1941, er wird während eines Einsatzes über der Nordsee abgeschossen.

Von Geist und Geistern

Hilary Mantel
Von Geist und Geistern
Autobiografie
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
240 Seiten, Hardcover
H21,0 x B13,5 cm

Originaltitel: Giving Up the Ghost

Nachdem ich mit Begeisterung die ersten beiden, bereits erschienen Teile, der Thomas Cromwell Trilogie  (Wölfe und Falken) von Hilary Mantel gelesen hatte, war diese ihre Autobiografie natürlich ein Muss.   Es ist nun eine nicht ganz so typische Autobiografie, obwohl natürlich das beschriebene autobiografisch ist.  Eine weite Strecke nimmt Mrs. Mantel uns mit in ihre Kindheit. In die ärmlichen Verhältnisse in denen sie aufwuchs, in einer liebevollen Familie. Sie erzählt vom Schrecken der Klosterschule in den 60ziger Jahre und von dem Bruch ihrer Eltern, dem Stiefvater und dem Wechsel auf die höhere Schule. Die phantasievolle Hilary, die keinen rechten Platz in der „neuen“ Familie fand und auch sehr unter den strengen, brutalen Schulregeln der Grundschule litt. Dann aber doch ihren Weg fand und der es gelang sich nicht verbiegen zu lassen. Früh kränkelt sie, was von der Familie nicht besonders ernst genommen wird.

Nach dem Schulabschluss beginnt Mrs. Mantel ein Jurastudium und heiratet sehr jung.  Und immer wieder plagen sie gesundheitliche Probleme, Unterleibschmerzen für die kein Arzt eine Diagnose stellt, meistens wird sie mit irgendwelchem Vermutungen und vorgefasten Meinungen abgespeist, nicht selten mit der Unterstellung zu simulieren. Sie geht nach Botswana, kehrt zurück, ihre Ehe ist am Ende und begibt sich ins Krankenhaus. Dort wird eine Endometriose festgestellt und sie wird operiert. Das bedeutet: Kinder sind nicht mehr möglich! Die anschließende Hormonbehandlung macht es nicht leichter, die ehemals sehr zarte, schlanke Frau nimmt zu, hat mit Migräne und Sehstörungen zu kämpfen. Mittlerweile hat sie zu schreiben begonnen, aber noch ohne rechten Erfolg. Sie heiratet ihren geschiedenen Mann ein zweites Mal und es geht nach Saudi Arabien.

Es ist beeindruckend wie Hilary Mantel ihre Reise durch den medizinischen Dschungel Englands beschreibt. Sie erzählt ihre Geschichte ohne Selbstmitleid, doch mit deutlicher Verägerung über ihre Begegnungen mit der Medizin der 80ziger Jahre. Es ist icht so sehr die Tatsache, dass sie keine Kinder mehr bekommen kann, der Wunsch da nach, war nicht sehr ausgeprägt, es ist die simple Tatsache, keine Wahl mehr zu haben und die Frage, leben unsere ungeborenen Kinder, so waage die Idee von ihnen war, als Geister weiter … Wie präsent sind sie in unserem Leben.

Fazit: Ein wirklich beeindruckendes Buch.

Hier ein Interview aus DRUCKFRISCH: Denis Scheck und Hilary Mantel über Falken

Die Frau meines Vaters – Anja Röhl

die frau meines vaters

 

Die Autorin

Anja Röhl, Jahrgang 1955, Tochter des „Konkret“ – Herausgebers Klaus Rainer Röhl aus dessen erster Ehe. Anja Röhl ist Dozentin und Theaterrezensentin. Sie schreibt unter anderen für die Junge Welt.

Die Handlung:

Der Untertitel des Buches ist: Erinnerungen an Ulrike. Gemeint ist hier Ulrike Meinhof, die zweite Frau von Klaus Rainer Röhl. Sie ist für das Mädchen Anja Röhl eine wichtige Bezugsperson. Das Mädchen das in den 50ziger und 60 ziger Jahren bei einer alleinerziehenden Mutter aufwächst, entdeckt schnell:

»Kind sein heißt allein sein, schuld sein, essen müssen, schlafen müssen, brav sein müssen. Kind sein heißt, sich nicht wehren zu können.«

Zwischen der oft abwesenden Mutter, die die Tochter schon mal verleugnet, wenn sie in Sachen Partnersuche unterwegs ist, diversen Verschickungsheimen mit ausgesprochen sadistischen Erzieherinnen und dem übergriffigen Vater, Klaus Röhl, wächst Anja auf. Die einzige Person, bei der sie Verständnis findet, die sie ernst nimmt und die sie ernst nimmt, ist Ulrike Meinhof.  Auch nach Meinhofs Trennung von Röhl, bleibt die Verbindung zu Anja bestehen. Auch nachdem Ulrike Meinhof verhaftet ist, besucht Anja sie im Gefängnis und es gibt einen Briefwechsel.

Frau Braun meint:

Es hat einiges an Aufregung vor Erscheinen dieses Buches gegeben. Bettina und Regina Röhl, die Töchter von Ulrike Meinhof, haben aufs Persönlichkeitsrecht gepocht und um juristischen Hickhack vorzubeugen, erscheinen so einige Passagen geschwärzt. Das nur vorweg.

Anja Röhl hat eine interessante Erzählweise gewählt. So erzählt die ersten Teile aus der Sicht des Mädchens Anja und später aus der Sicht der jungen Frau. Gerade das macht den Text besonders berührend. Da kommt das immer noch empörte Kind zu Wort, dass sich gegen die sadistischen Erziehungsmethoden in den 50ziger und 60ziger Jahren genau so wenig zu Wehr setzen kann, wie gegen den sexuell übergriffigen Vater. Der seiner Tochter schon mal mal erklärt, wie Frauen geküsst werden wollen und was ihn sexuell so antörnt. Der während er mit seiner Tochter durch die Straßen fährt Frauen nachpfeifft und zum mitfahren einlädt und es sich angelegen sein lässt, im Keller seiner Blankeneser Villa mit dem Luftgewehr auf die Poster nackter Frauen zu schießen.

Wer in diesem Buch nun eine Auseinandersetzung mit der Terroristin und politischen Aktivistin Ulrike Meinhof sucht, wird sie nicht finden. Es sind die von Dankbarkeit geprägten Erinnerungen eines Mädchens und einer jungen Frau, an eine warmherzige, kluge und verständnisvolle Frau, die ihr half sich in einer als feindseilig empfundenen Welt zurecht zu finden.

Das Buch hat mich sehr berührt und ich kann es nur wärmstens empfehlen. Es hat mich aber nicht nur, wegen der Erinnerungen an Ulrike Meinhof so sehr angesprochen, sondern auch weil Anja Röhl noch einmal klar erzählt, welchem Terror Kinder und Heranwachsende in besagter Zeit ausgesetzt waren und wie wenig Möglichkeiten sie zur Gegenwehr hatten.

Anja Röhl
Die Frau meines Vaters
Erinnerungen an Ulrike

Originalveröffentlichung
Gebunden mit Schutzumschlag,
160 Seiten
€ (D) 18,–
€ (A) 18,50

ISBN 978-3-89401-771-2

Erschienen Februar 2013