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Kategorie: Richtig schönes prima Buch

Dornen und Disteln soll er dir tragen von Volker Pesch

Dornen und Disteln soll er dir tragen von Volker Pesch

Der Polizeiseelsorger Tom Schröder ist zurück. Sein 2. Fall beginnt mit dem Auffinden dreier Moorleichen, die ganz augenscheinlich nicht prähistorisch sind, aber eben auch nicht so ganz frisch. In den Dörfern um den Fundort setzt sich die Gerüchteküche in Gang, es wird vermutet, dass es sich um russische Zwangsarbeiter handelt, von denen man sich erzählt, dass sie Ende des 2. Weltkrieges im Moor von Dorfbewohnern exekutiert wurden. Die neue Kriminalhauptkommisarin Alba Nehmzow, der Greifswalder Mordkommision, kommt aus dieser Gegend, sie kennt die Gerüchte und die Menschen hier. Schnell bekommt sie Druck den Fall ad acta zu legen. Was nicht so einfach ist, denn kurz darauf wird ein gewisse Herr Krupski, Geschäftsführer der Agrar GmbH erschossen in seinem Wohnmobil aufgefunden. Bei der Untersuchung der Kugel, die aus  Krupskis Kopf entfernt wurde, zeigt sich, dass sie aus der selben Waffe stammt, wie die Kugel die man in einer der Moorleichen gefunden hat. Da Kurpski nicht gerade beliebt war, kommen so einige als Täter in Frage.

Handlung und Personen sind frei erfunden.

Das Thema leider nicht: So oder ähnlich könnte

es sich jederzeit und an vielen Orten zugetragen haben

Diese Worte stellt Volker Pesch seiner Geschichte voran. Das Thema auf dem er seinen Plot aufbaut, ist eine recht widerliche, aber keine verbotene Praktik, der Bodenspekulation. Gesellschaften kaufen Landwirten ihr Land ab und verpachten es ihnen zurück und nach einer gewissen Zeit, wenn die Grundstückspreise gestiegen sind, verkaufen sie es an den Höchstbietenden. Krupski war so einer und so richtig Trauer über seinen gewaltsamen Hingang kommt nicht auf. Die Landwirtschaft ist schon lange keine romantische Angelegenheit mehr, sondern ein harter Kampf ums Überleben.

Mir hat schon der 1. Tom Schröder Krimi Denn wer da hat, dem wird gegeben sehr gut gefallen und auch der 2. Fall für Volker Peschs atypischen Ermittler hat nicht enttäuscht. Die Entscheidung nicht einen Kriminalhauptkommisar oder ähnliches zum Ermittler zu machen, sondern einen Polizeiseelsorger, ist interessant. Denn die eigentlichen Ermittlungen gehören ja nicht zu den Aufgaben eines Seelsorgers. Tom Schröder ist also jemand, der schon hautnah dran ist, aber eben auch eine Außensicht auf das Geschehen hat. Er kommt anders als ein offizieller Ermittler mit den Menschen ins Gespräch, muss keine Rechenschaft über seine Erkenntnisse ablegen. Auch mit Alba Nehmzow, der neuen KHK, hat Pesch einen guten Griff getan. Sie stammt aus der Gegend, ist dort aufgewachsen, sie kennt die Leute, spricht ihre Sprache, ist aber auch gehandikapt durch frühere Freundschaften und Sympathien, die sie für eventuelle Tatverdächtige hegt. Überhaupt sind sowohl Thema, wie Charaktere, als auch der Plot, schlicht und ergreifend gelungen. Kurz gesagt, ein Krimi den ich gerne weiter empfehle, während ich mich auf Tom Schröders 3. Fall freue.

Volker Pesch
Dornen und Disteln soll er dir tragen
Küsten-Krimi

ca. 272 Seiten, 13,5 × 21 cm
Paperback
ISBN 978-3-87062-279-4

CMZ Verlag

Die Lieferantin von Zoë Beck

Die Lieferantin von Zoë Beck

In der Londoner Drogenszene kocht es. Die alteingesessenen Großdealer sind beunruhigt, sogar sehr, denn es gibt einen neuen Stern am Himmel. Die Lieferantin, die ihre qualitativ ausgezeichnete Ware über das Darknet anbietet und den Stoff via Drohnen ausliefert. Doppelt bedrohlich ist, dass sie zu einem Zeitpunkt auftaucht, an dem in Großbritannien, nach dem Brexit über den Druxit angestimmt werden soll. Der Druxit bedeutet, dass die Drogengesetze verschärft werden sollen und das Süchtige zukünftig selbst für die Folgen ihrer Sucht zahlen sollen. Auf Elly Johnsons, die Lieferantin wird ein Kopfgeld ausgesetzt … und sie braucht einen neuen Zulieferer, der alte wurde tot aus der Themse gefischt.

Wie immer gelingt es Zoë Beck, nicht nur einen spannenden Krimi zu schreiben, sondern auch die aktuellen politisch relevanten Themen anzusprechen. Zunehmende Überwachung und das Ansteigen von Rassismus und Gewalt im Post-Brexit London, welches die Autorin ein wenig die Zukunft verlegt hat. Die Lieferantin ist nicht einfach nur ein spannender Krimi, es ist ein Blick in die Zukunft.

Ein gut aufgebauter Thriller, der sich durch starken Charaktere, politische Aktualität und einem spannenden Plot auszeichnet. Sehr empfehlenswert.

 

Zwei rechts, zwei links von Ebba D. Drolshagen

Zwei rechts, zwei links von Ebba D. Drolshagen

Stricken ist in. Wenn man mit der Bahn fährt oder im Café sitzt, so findet sich immer eine, denn meistens ist es eine Frau, die ihr Strickzeug aus der Tasche nimmt und strickt. Was liegt also näher, als ein Buch über das Stricken zu schreiben? Und warum gibt es zwar massig Anleitungsbücher und Plattformen zum Thema, aber keine Kulturgeschichte des Strickens, beginnt man sich da zu fragen. Nun, diese Not hat ein Ende, denn Ebba D. Drolshagen hat sich der Sache eingenommen und dieses Buch geschrieben.

Es ist ein wundervolles Buch geworden. Man merkt die Liebe, die die Autorin für ihr Thema hegt, in jedem Kapitel. Ich selber stricke, seit ich es in der vierten Klasse gelernt habe und ehrlich gesagt, habe ich mir nie groß Gedanken darüber gemacht welche Geschichten daranhängen. Es war etwas alltägliches. erst beim Lesen von Zwei rechts, zwei Links, wurde mir klar, wie reichhaltig die Geschichte des Strickens doch ist und wie vielfältig. Da gibt es die verschiedenen Muster, die in verschiedenen Gegenden der Welt entstanden, die Wollarten und das Färben von Wolle. Stricken war nicht immer ein nützliches Hobby, wie heutzutage gewesen, es war Broterwerb und bittere Notwendigkeit in vielen Gegenden. Es wurde als Erziehungsmaßnahme für Mädchen angewandt, damit diese nicht auf lüsterne Gedanken verfielen. Es war und ist präsent in nahezu allen Kulturen.

Ebba D. Drolshagen schreibt locker und kenntnisreich über dieses Thema. Sie erzählt Geschichten, Anekdoten und Geschichte. Und spannt einen Bogen von der ersten Masche bis zu Ravelry, der Plattform für StrickerInnen im Internet. Das Buch ist spannend geschrieben und ich werde noch lange Freude daran haben, denn es ist eines von denen, in die ich immer einmal wieder gucken werde.

Zwei rechts, zwei links – Eine Geschichte des Strickens

Autorin: Ebba D. Drolshagen

Vorwort: Martina Behm

Verlag Suhrkamp

ISBN 978-3-518-46814-2 

Preis: 18,00 €

Auch als E-Book erhältlich

The last wild witch von Starhawk

The last wild witch von Starhawk

Schon vor einiger Zeit habe ich meinen Enkelkindern obiges Buch geschenkt, und sie lieben es. Mir geht es genau so.

Starhawk ist eine Autorin die ich seit den späten 70zigern lese. Sie war eine der ersten Autor*innen bei der Spiritualität, Feminismus und Politik  sich nicht ausschlossen. So war ich natürlich entzückt, dass sie auch ein Kinderbuch geschrieben hat. Wunderschön illustriert von Lindy Kehoe und herausgegeben von Mother Tongue.

Die Geschichte spielt in einer perfekten Stadt, in der alles geordnet ist, nur im Wald lebt die letzte wilde Hexe und kocht dort ihre magische Suppe, mit der sie die Tiere und die Bäume heilt, wenn sie sich schwach fühlen und nachts trommelt und sind sie und wenn der Wind aus Westen weht, dann dringt der Geruch ihrer magischen Suppe und der Klang ihrer Trommel in die Kinderzimmer und die Wildheit erwacht wieder in den perfekten funktionieren Kindern; plötzlich mögen sie nicht mehr in der Reihe gehen und ruhig sein, sondern wollen springen, laufen und draußen sein. Das passt den Erwachsen natürlich nicht und sie wollen den Wald abholzen und die Hexe vertreiben, doch die Kinder warnen die Hexe und die kocht ihre magische Suppe und trommelt und … am Ende tanzen alle gemeinsam recht ungeordnet, aber fröhlich.

Es ist ein Buch, von dem ich mir wünschen würde, dass es auf Deutsch erscheinen würde. Es geht aber auch so, wie ich es zur Zeit mache, ich lese erst auf englisch und übersetze dann für die Kinder und nebenbei lernen sie auch einige Worte Englisch.

http://starhawk.org/writing/books/the-last-wild-witch/

Bergljots Familie von Vigdis Hjorth

Bergljots Familie von Vigdis Hjorth

Eine gutbürgerliche Familie, der Vater stirbt, und was zu erst wieder der Streit um zwei Sommerhäuser aussieht, eskaliert mehr und mehr und es wird klar, im Grunde geht es um etwas ganz anderes. Bergljot, die älteste Schwester und das zweitälteste Kind der Familie, hatte sich vor dreiundzwanzig Jahren von ihrer Familie losgesagt, nachdem sie während ihrer Psychoanalyse entdeckt hat, dass sie als kleines Kind vom Vater missbraucht wurde. Die MuttEer nennt sie eine Lügnerin, obwohl Bergljot sich an Fragen und Gespäche mit der Mutter erinnert, die darauf schließen lassen, dass sie zumindest etwas geahnt hat. Der ältere Bruder hat sich bereits von der Familie zurück gezogen, die jüngeren Schwestern stellen sich auf die Seite der Eltern, wobei eine versucht auch Kontakt zu Bergjlot zu halten. Für diese lebt nun alles wieder auf und sie wird mit den alten Dämonen konfrontiert und mit der Ungerechtigkeit, dass ihre Geschichte nicht zählt, dass die Familie sie nicht ernst nimmt, sondern im Gegenteil sie, das Opfer, zur Schuldigen macht, die die Familienidylle stört.

Vigdis Hjorth hat bereits mehrfach klar gestellt, dass es sich nicht um eine autobiografische Geschichte handelt, obwohl sich natürlich Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben verarbeitet hat, wie sie es in all ihren Büchern tut. Für die Leser*innen kann das auch egal sein. Auf alle Fälle hat sie wundervoll sensibles, trauriges, poetisches Buch zu einem heiklen Thema geschrieben und gewährt einen tiefen Einblick hinter die Kulissen einer Familie, in der, wie in so vielen, bei weitem nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Ich habe vieles wiedergefunden, was ich aus meiner eigenen Geschichte kenne.

Bergljots Familie ist für den wichtigsten Literaturpreis Skandinaviens, den Nordic Council Literature Prize, nominiert.

Bergljots Familie

Autorin: Vigdis Hjorth

Übersetzerin: Gabriele Haefs

Verlag: Osburg Verlag

Alles so hell da vorn von Monika Geier

Alles so hell da vorn von Monika Geier

MONIKA GEIER
Alles so hell da vorn
ARIADNE 1223
ISBN 978-3-86754-223-4 Preis: 13,00 €

In einem Frankfurter Vorstadtbordell erschießt eine junge Prostituierte einen uniformierten Polizisten und einen »Security Mann«, dann informiert sie die Polizei und flieht. Der erschossene Beamte heißt Ackermann und ist der langjährige Kollege und zeitweise Freund von Kriminalkommisarin Bettina Boll. Die aus allen Wolke fällt, als sie begreift, dass jemand dem sie so nahe war und so gut zu kennen glaubte, pädophile Neigungen hatte. Doch es kommt noch dicker, als die Mörderin in einem kleinen Ort, wo sie einen weiteren Mann erschossen hat, gefasst wird und behauptet Meggie zu sein, die Meggie, die vor zehn Jahren aus eben diesem Ort im Alter von sechs Jahren spurlos verschwand. Während der Ermittlungen wird schnell klar, dass Beamte der Polizei in die Machenschaften des Kinderprostitutionsringes verwickelt sind und dass diese Verbindungen bis in die höchsten Ränge gehen … und das jemand versucht, Bettina Boll zum Sündenbock zu machen. Die hat es im Moment eh nicht leicht, sie will das von ihrer Tante ererbte Haus verkaufen, was sich als schwierig herausstellt. Zum einen, weil ihre Kinder es nicht loslassen wollen und zum anderen, wegen des in einem versteckten Raum gefundenen Brunnens, vor dem ein paar uralte Kinderschuhe stehen. Der Verdacht, dass der Brunnen nicht nur Wasser enthält, liegt nahe.

Ohne voyeuristisch zu werden, führt Monika Geier ihren Leser*innen, dass ganze Grauen und Elend, der missbrauchten Kinder vor Augen und die Skurpellosigkeit ihrer Zuhälter und Freier. Sie baut den Fall spannend aus einer ungewöhnlichen Ausgangssituation heraus auf und nimmt einen von den ersten Seiten an gefangen. Ich habe das Buch in zwei Tagen durchgelesen und heute morgen um 03:30 beendet. Das sollte schon so einiges über seine Qualität aussagen. Die Autorin bereitet ein verstörendes Thema sensibel auf und hält das Gleichgewicht, zwischen nüchterner Polizeiarbeit und aufkochenden Emotionen. Schön, dass sie diesen schweren Stoff auflockert, in dem sie einiges an Lokalkolorit einbringt. Etwa die Arbeitsweisen ihrer Pirmasenser Kollegen und wie diese gewöhnlich die Mittagspause begehen. Überhaupt beherrscht Monika Geier die Kunst, mit wenigen Worten ein komplexes Bild von Mensch und Situation zu zeichnen. Ein Buch also, das ich nur wärmstens empfehlen kann.

Drift von Anne Kuhlmeyer

Drift von Anne Kuhlmeyer

Anne Kuhlmeyer
Drift
Verlag: Ariadne
ISBN 978-3-86754-225-8

Preis 12,00

Die Gerichtsmedizinerin Metha, der Lektor Albrecht, der junge Sydney, Jan, der Bauer und Rosalie, die in Deutschland Russin und in Russland Deutsche ist, sie alle werden von einer Flut überrascht und landen auf der Suche nach Schutz in Jans Haus. Jede und Jeder dieser Zwangsgemeinschaft bringt ihre Geschichte mit und ihre Hoffnungen und Pläne, was nach der Katastrophe sein wird. Alle versuchen auf ihre individuelle Weise mit der Ausnahmesituation zurecht zu kommen. Dann suchen drei „Schwarze“, auf einem Floß treibend, Zuflucht, die Jan ihnen verweigert und sie alle leben nun mit einer gemeinsamen Schuld, die sie einerseits verbindet, aber auch trennt.

Erst einmal vorweg, auch wenn das Buch bei Ariadne erschienen ist, es ist kein Krimi, jedenfalls nicht im üblichen Sinne. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich keine andere Genrebezeichnung dafür finde als: Geniales Buch! Eine Freundin meinte, es würde sie an die Bücher von Ray Bradbury erinnern. Das ging mir auch so, obwohl es auch das nicht ganz trifft, denn es hat auch eine Menge Bulgakow, dessen Namen in einer Episode auch des öfteren fällt, und trotz der Vergleiche mit diesen Autoren, ist es etwas ganz eigenes. Die Charaktere sind exzellent und vielschichtig gezeichnet. Das Setting wunderbar gewählt. Es enthält Geschichten die sich zu einer großen Geschichte verweben und dabei die aktuellen Themen unserer Zeit nicht aussparren.

Fazit: Lesen!

 

Unvollkommene Verbindlichkeiten von Lena Andersson

Unvollkommene Verbindlichkeiten von Lena Andersson

Unvollkommene Verbindlichkeiten

Autorin: Lena Andersson

Übersetzung aus dem Schwedischen: Gabriele Haefs

Verlag Luchterhand

ISBN 978-3-630-87524-8

Preis 18,00 €

Ester Nilsson, Lyrikerin, Essayistin und Dramatikerin, lernt bei den Proben zu einem ihrer Stücke den Schauspieler Olof Sten kennen. Sie ist begeistert, ist sich sicher, das ist der Mann ihres Lebens. Auch Olof scheint interessiert, trotz Ehefrau und Familienanhang. Ester ist überzeugt, er wird seine Frau verlassen und sie und Olof werden glücklich sein, bis ans Ende ihrer Tage. Allerdings macht Olof keine ernsthaften Anstalten seine Frau zu verlassen, noch behauptet er jemals, dieses tun zu wollen. Das ist jedoch für Ester kein Hindernis, Erklärungen für sein Verhalten ihr gegenüber zu finden und sich einzureden, dass doch alles gut wird, dass Olof einfach noch Zeit braucht. Auf die naheliegende Erklärung, nämlich dass Olof ein ziemliches Arschloch ist und sich nicht das geringste aus ihr und ihren Gefühlen macht, kommt sie nicht, obwohl doch ihr gesamter Freundinnenkreis sehr deutlich signalisiert, lauf was du kannst und lass dich nicht weiter so behandeln. Doch es braucht drei Jahre, bis Ester in der Lage ist ihren Prinzen so zu sehen, wie er wirklich ist, doch dann reagiert sie und zwar sehr rigoros.

Ester Nilsson kam bereits in Lena Andersson vorherigen Roman, Widerrechtliche Inbesitznahme, vor. Auch dort ging es um eine unerfüllte Liebe. Es ist nicht zwingend nötig den Vorgänger gelesen zu haben (außer, dass es ein tolles Buch ist), Unvollkommene Verbindlichkeiten, ist ein in sich abgeschlossener Roman, auch wenn es hin und wieder  Verweise auf diese frühere Beziehung Esters gibt. Ester hat nicht wirklich dazugelernt und welche Auswirkungen dies hat, schildert Lena Andersson eindrucksvoll. Schon alleine die Gespräche mit den Freundinnen zwecks Beziehungsanalyse sind Meisterstücke. Ester ist keine durchweg sympathische Protagonistin, eigentlich ist sie eine ziemliche Nervensäge und man möchte sie schütteln. Ester versucht alles mögliche um ihren Prinzen und seine Nähe-Distanz Ambivalenz zu begreifen, sie liest Psychologie-Bücher, ordnet ihn recht korrekt ein und kommt dann unweigerlich zu den falschen Schlüssen, weil die richtigen ihren Wünschen widersprechen würden. Lena Andersson ist eine interessantesten Autorinnen die ich in den letzten Jahren entdeckt habe. Ihre Bücher sind originell und sie hat ein unglaubliches Talent ihre scharfen Beobachtungen der menschlichen Natur brilliant in Worte zu fassen.

 

Grabgeflüster von Martín Ó Cadhain

Grabgeflüster von Martín Ó Cadhain

Grabgeflüster

Autor: Martín Ó Cadhain

Übersetzung aus dem Irischen: Gabriele Haefs

Verlag: Kröner

1. Auflage, 461 Seiten, Halbleinen, 500 g
ISBN 978-3-520-60101-8

Preis: 24,90 €

Von letzter Ruhe kann hier wirklich nicht die Rede sein. Denn die Toten machen in der Friedhofserde, der Originaltitel ist Cré na Cille = Friedhofserde, einfach weiter wie gehabt. Sie pflegen ihre Fehden, sie rechten und streiten. Hat über der Erde gezählt wieviel Land, Geld, Silberkannen und Besitz man hatte, dort unten ist wichtig, ob man in der Pfund oder 15 Shilling Abteilung begraben ist, wieviel die Kollekte bei der Beisetzung gebracht hat und ob man ein Kreuz von seinen Angehörigen bekommt. Vorzugsweise eines aus dem Kalkstein der Araninseln. Im Grunde ändert sich also nichts, man ist halt nur tot und muss sich mit dem Vergangenen begnügen, denn Zukunft gibt es keine mehr.

Martín Ó Cadhain gilt als der irischsprachige James Joyce und ist in seiner Heimat hochgeachtet. Er wurde 1906 in der Nähe von Galway geboren und hat, so erzählt man sich, bis zu seinem sechsten Lebensjahr kein Wort Englisch gesprochen. Die Gegend in der er wurzelt, die Gaeltracht, also die Ecke im Westen Irlands, in der zur Hauptsache Gälisch gesprochen wurde, ist auch der Handlungsort dieses Buches. Das Original ist 1949 erschienen und das Buch galt lange als nicht zu übersetzen. Was allerdings von Gabriele Haefs, mit dem vorliegenden Werk brilliant wiederlegt hat.

Grabgeflüster ist kein Roman, es wird keine kohärente Geschichte erzählt, es besteht hauptsächlich aus Dialogen und Dialogfetzen, aus denen sich mit der Zeit die Verbindungen der Toten zueinander herauskristallisieren. Das ist aber im Grunde nicht wichtig. Denn durch die Geschichten, die die Toten erzählen, wird eine andere deutlich, nämlich die wie Land und Leute so lebten. Wie hart ihr Leben in diesem kargen Landstrich war und welche Arbeiten und welche Rituale ihren Tag bestimmten. Dieses Buch ist ein sprachliches Feuerwerk und funkelt und strahlt auf jeder Seite. Es dauert vielleicht ein wenig, bis man sich auf das Konzept einlassen kann, aber dann ist man als Beobachter in der Friedhofserde und hört dem Geschimpfe von Caitríona Pháidín zu und dem französischen Soldaten und Kneipen Pedar und all den anderen, dort in der Friedhofserde.

Es ist ein anspruchsvolles Buch, denn es ist kein gemütlicher Irlandaufenthalt. Sehr schön ist, dass es einen ausführlichen Anhang zu Ereignissen und Begriffen gibt, sowie eine kleine Einführung in die irische Sprache.

Ein treuer Freund von Jostein Gaarder

Ein treuer Freund von Jostein Gaarder

Ein treuer Freund

Autor: Jostein Gaarder

übersetzt aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs

Erscheinungsdatum: 13.03.2017
272 Seiten
Hanser Verlag
Fester Einband
ISBN 978-3-446-25443-5
ePUB-Format
ISBN 978-3-446-25600-2

Jakop Jakopsen ist ein Einzelgänger und Außenseiter und er ist einsam, denn er hat, bis auf Pelle, keine Freunde und auch keine Familie. Pelle allerdings ist eine Handpuppe, die Jakop seit seiner Kindheit hat und die alles ist, was der schüchterne Jakop nicht ist. Pelle ist eloquent, nicht im geringsten schüchtern. In seiner Sehnsucht zu einer Gemeinschaft zu gehören, hat sich Jakob ein seltsames Hobby gesucht. Er geht auf Beerdigungen ihm fremder Menschen und erzählt beim anschließenden Kaffeetrinken eine erfundene Geschichte, wie er den Verstorbenen kennengelernt hat und was sie verbindet. Das geht natürlich nicht immer gut. Einmal wird er entdeckt und so lernt er Agnes kennen und verliebt sich in sie. Auch Agnes hat ihre Geschichte und ob die beiden zusammenfinden und wie Pelle in die Beziehung passen könnte … nun ja, dass erfährt man beim Lesen, dieses wundervollen Buches. Ein weiteres Hobby von Jakop sind Wörter, er ist Etmyologe und bewusst sich mit deren Herkunft. An einer Stelle sagt er:

Meine eigentliche Familie sind die Wörter

Das hat mir sehr gefallen. Überhaupt hat mir das ganze Buch gefallen. Mit Jakop Jakopsen hat Gaarder einen ganz besonderen Protagonisten geschaffen und ich war gerne in seiner Geschichte. Das Buch wurde einigen Orts als Schelmenroman bezeichnet. Ich denke, dass das recht treffend ist. Es hat alles war ein gutes Buch haben muss und Jostein Gaarder hat es geschafft, Themen wie Umwelt, Theologie und Etmyologie zu behandeln, ohne ins Predigen zu kommen, was mich in früheren Büchern sehr gestört hat.

Mein Fazit: Unbedingt Lesen!