Browsed by
Kategorie: Roman

0-1-0-1 von Elisabeth Strasser

0-1-0-1 von Elisabeth Strasser

Daniel ist arbeitslos, Moni ein wenig naiv und auf der Suche nach einem Ehemann, der Rechtsanwalt Michael gerät durch Zufall in das Spiel, wie auch der Kleinkriminelle Oliver. Alle diese Personen verschlägt es in das Computerspiel Wandell, alle diese Personen sind auf die eine oder andere Art im physischen Leben mit einander verbandelt. In Wandell kämpfen sie, als Zwerge, Meister, Ritter, Boten für die eine oder andere Seite. Denn Wandell ist, wie könnte es anders sein, von einer dunklen Macht bedroht. Nach und nach beginnt sich das virtuelle Leben und das physische Leben der Akteure zu vermischen.

Elisabeth Strassers Geschichte beginnt von einem interessanten Ansatz aus, hat allerdings ihre Schwächen. Sie ist spannend, dass schon, aber, mal abgesehen von so einigen Logikfehlern, liest sie sich unausgewogen und es fällt schwer in die Handlung zu kommen, weil sie auf der Fantasie-Ebene einsetzt. Doch trotz dieser Schwächen, habe ich die Geschichte gerne gelesen, was daran liegt, dass die Autorin spannend zu erzählen weiß und was die erwähnten Schwächen betrifft, nun, eigentlich schaden sie nichts, denn sie regen zum Denken an und zu interessanten „Wie hätte es denn noch sein Können-Überlegungen“.

Das Ohr des Kapitäns von Gisbert Haefs

Das Ohr des Kapitäns von Gisbert Haefs

Gisbert Haefs Spezialität ist es historische Themen spannend zu erzählen. Auch mit Das Ohr des Kapitäns ist ihm dieses wieder einmal gelungen. Der Roman handelt vom 1739 beginnenden Kolonialkrieg zwischen Engländern und Spanien, die um die Vorherrschaft in der neuen Welt stritten. Ausgelöst wird dieser Krieg durch ein Ohr, welches einem englischen Handelskapitän von einem spanischen Küstenwächter abgeschlagen wird. Weitere Zutaten sind ein Schatz, verwickelte Handelsrechte, Piraten, Sklavenhandel und Schmuggelei.

Der Autor erzählt seine Geschichte aus verschiedenen Perspektiven und so entsteht ein gelungener bunter Reigen, voller Abenteuer und opulenter Bilder.  So macht Geschichte Spaß.

Wie kaum ein zweiter versteht Gisbert Haefs es Fakten und Fantasie miteinander zu verbinden, so dass ein anschauliches Bild der Vergangenheit entsteht und die Leser in diese mitnimmt. Am Ende hat man nicht nur von den Geschehnissen gelesen, man ist dabei gewesen.

Das Ohr des Kapitäns

Autor: Gisbert Haefs

Verlag. Heyne

ISBN: 978-3-453-26930-9

Preis: 19,99 €

Lügenland von Gudrun Lerchbaum

Lügenland von Gudrun Lerchbaum

Am Vorabend ihrer Hochzeit erschießt die Soldatin Mattea, unter  Einfluss von Alkohol und Drogen, eine Freundin. Eigentlich die Freundin ihrer besten Freundin. Auf ihrer Hochzeitsfeier wird sie verraten und muss fliehen. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Geschichte nicht im heutigen Österreich spielt, sondern in einem in einer nicht allzu fernen Zukunft. Einer Zukunft, in der der Traum Europa ausgeträumt und Österreich ein faschistisch regiertes Land ist. Die Bürger werden mittels Fonbändern, über die sie im Internet surfen, Bezahlungen tätigen, Nachrichten empfangen, sich ausweisen, sowie durch nahezu flächendeckend installierte Kameras, überwacht. An allen öffentlichen Einrichtungen und Plätzen sind meterhohe und -breite Mediawände aufgestellt, über die Nachrichten laufen, was eine Flucht natürlich deutlich erschwert. Zu allem Überfluss wird Mattea auch noch mit einer flüchtigen Terroristin, mit Ina Mattusek, verwechselt.

Im Grunde ist diese Mattea linientreu. Klar, sie ist nicht glücklich bei der Miliz, darum hat sie sich zu einer arrangierten Ehe entschlossen, um dem Dienst zu entgehen. Denn wer Mutter und Ehefrau wird, leistet seinen Beitrag für das Vaterland und ist aus der Schusslinie.  Ihr ist bewusst, dass vieles schief läuft, glaubt aber auch der Propaganda der Herrschenden, dass es nun einmal nötig ist Opfer zu bringen. Nach einer recht wilden Flucht gelingt es ihr, sich nach Linz zu ihrer Großmutter väterlicherseits durch zuschlagen, die sie mit der Widerstandsbewegung in Kontakt bringt, die ihr, in dem Glauben, es mit Ina Mattusek zu tun zu haben, hilft. Während dessen behaupten die Medien, sie hätten die wahre Ina Mattusek gefangen genommen und ein perfides Spiel mit den Identitäten der beiden Frauen beginnt.

Gudrun Lerchbaum hat mit Lügenland ein aktuelles Buch geschrieben. Ein wichtiges Buch. Anhand der Geschichte von Matteas Flucht zeigt sie, wie brüchig das Weltbild wird, wenn man über seinen Tellerrand hinausgeschubst wird. Wenn die alten Regeln und vermeintlichen Sicherheiten nicht mehr gelten. Ihre Protagonistin ist keine typische Heldin, ja, sie ist nicht einmal sonderlich sympathisch. Wie auch, denn wenn wir sie kennenlernen, hat  sie gerade scheinbar grundlos eine Freundin erschossen. Mattea sie ist einfach in eine Situation geraten, in der es nur noch ums Überleben geht und das ist etwas was sie beherrscht. Mir hat die Entwicklung gefallen, die die Autorin ihre Protagonistin machen lässt. Sie gewinnt Erkenntnis über die Machenschaften der Regierung und deren Mechanismen, aber sie wird nicht von einer Saula zur Paula. Sie sieht auch die weiter kritisch, die einen Umsturz wollen, denn die bedienen sich im gleichen Maße der Lüge und der Manipulation, um ihre Ziele zu erreichen, wie die, die sie bekämpfen. Gerade wegen ihrer Brüche und ihrer Kanten, ist Mattea, eine glaubhafte Figur. Eine die im Laufe der Geschichte immer dreidimensionaler wird.

Lügenland lässt sich nur schwer einem Genre zuordnen, was mir außerordentlich gut gefällt. Doch in eine Kategorie gehört es für mich eindeutig: Wichtiges Buch, das viele Leser*innen finden sollte.

Lügenland

Autorin: Gudrun Lerchbaum

Verlag: Pendragon

ISBN  978-3-86532-550-1

Preis: 17,00 €

Bergljots Familie von Vigdis Hjorth

Bergljots Familie von Vigdis Hjorth

Eine gutbürgerliche Familie, der Vater stirbt, und was zu erst wieder der Streit um zwei Sommerhäuser aussieht, eskaliert mehr und mehr und es wird klar, im Grunde geht es um etwas ganz anderes. Bergljot, die älteste Schwester und das zweitälteste Kind der Familie, hatte sich vor dreiundzwanzig Jahren von ihrer Familie losgesagt, nachdem sie während ihrer Psychoanalyse entdeckt hat, dass sie als kleines Kind vom Vater missbraucht wurde. Die MuttEer nennt sie eine Lügnerin, obwohl Bergljot sich an Fragen und Gespäche mit der Mutter erinnert, die darauf schließen lassen, dass sie zumindest etwas geahnt hat. Der ältere Bruder hat sich bereits von der Familie zurück gezogen, die jüngeren Schwestern stellen sich auf die Seite der Eltern, wobei eine versucht auch Kontakt zu Bergjlot zu halten. Für diese lebt nun alles wieder auf und sie wird mit den alten Dämonen konfrontiert und mit der Ungerechtigkeit, dass ihre Geschichte nicht zählt, dass die Familie sie nicht ernst nimmt, sondern im Gegenteil sie, das Opfer, zur Schuldigen macht, die die Familienidylle stört.

Vigdis Hjorth hat bereits mehrfach klar gestellt, dass es sich nicht um eine autobiografische Geschichte handelt, obwohl sich natürlich Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben verarbeitet hat, wie sie es in all ihren Büchern tut. Für die Leser*innen kann das auch egal sein. Auf alle Fälle hat sie wundervoll sensibles, trauriges, poetisches Buch zu einem heiklen Thema geschrieben und gewährt einen tiefen Einblick hinter die Kulissen einer Familie, in der, wie in so vielen, bei weitem nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Ich habe vieles wiedergefunden, was ich aus meiner eigenen Geschichte kenne.

Bergljots Familie ist für den wichtigsten Literaturpreis Skandinaviens, den Nordic Council Literature Prize, nominiert.

Bergljots Familie

Autorin: Vigdis Hjorth

Übersetzerin: Gabriele Haefs

Verlag: Osburg Verlag

Magnus Chase – der Hammer des Thors – Rick Riordan

Magnus Chase – der Hammer des Thors – Rick Riordan

Rick Riordan

Magnus Chase – Der Hammer des Thors

Übersetzung: Gabriele Haefs

Verlag Carlsen

Alter: ab 12 Jahre

ISBN: 978-3-55155889-1

Thor hat wieder einmal die stärkte Waffe der neun Welten, seinen Hammer verloren. Nicht genug damit, dass Asgard Gefahr läuft von den Riesen angegriffen zu werden, nein, er kann auch seine Serien auf Netflix nicht mehr gucken. Das geht natürlich gar nicht und Magnus Chase, die muslimische Walküre Samira und ihre anderen Freunde machen sich auf, um den Hammer zurück zu holen. Schnell wird klar, dass Loki, der Trickser, der Gestaltwandler und Vater von Samira sein eigenes Süppchen kocht, um endlich aus der Höhle befreit zu werden, in der er seit Jahrhunderten von den Göttern gefangen gehalten wird.

Bereits mit dem ersten Teil der Serie hatte ich sehr viel Spaß. Der 2. hat mir fast noch besser gefallen. Wieder bedient sich Rick Riordan aus den Sagen der Edda und mixt es munter mit heutigen. So hat Heimdall, der Wächter der neun Welten, der auf der Regenbogenbrücke Bifröst lebt das Gjallarhorn, mit dem er eigentlich tuten soll, wenn Asgard angegriffen wird, in ein Phablet verwandelt und macht Selfies und die Riesen betrreiben eine Bowlingbahn. Es ist nicht nur eine spannende und lustige Geschichte, die Riordan erzählt, es ist sehr viel mehr. Die Botschaft ist, es ist egal ob du Muslim, Zwerg, Albe oder Einherjer bist, Hauptsache du kämpfst für die richtige Sache. So taucht denn auch in diesem Buch eine transgender Person auf. Alex, ein weiteres Kind Lokis, die nicht nur ihr Geschlecht wechseln, sondern auch Tiergestalt annehmen kann, wie Loki selbst auch. Auch dass Odin und Konsorten weniger als Götter gesehen, sondern eher als sehr mächtige Wesen, fand ich stimmig. Es ist ein wahrlich empfehlenswertes Buch, genauer gesagt, eine empfehlenswerte Serie. Themen wie Rassismus, Transgender, Herkunft und Tradition werden leicht, aber doch nachhaltig behandelt.

Aber das Bild war noch da von Christian Mähr

Aber das Bild war noch da von Christian Mähr

Aber das Bild war noch da

Autor: Christian Mähr

Verlag: Wortreich Wien

  • Hardcover – EURO 19,90
    ISBN 978-3-903091-26-9
    312 Seiten, Roman
    VÖ 5.5.2017
  • eBook – EURO 9,99 – erhältlich auf allen Plattformen
    ISBN 978-3-903091-34-4
    312 Seiten, Roman

Alles beginnt damit, dass der Politiker Oswald Obwalter einen Roman geschrieben hat. Diesen hat er seinem alten Schulkameraden, dem Krimi-Autoren Martin Fries, zur Begutachtung vorgelegt. Fries scheut sich nun, Obwalter zu sagen, dass dieser eine Menge Mist zusammengeschrieben hat. Als Fries Obwalter auf der Straße sieht, befürchtet er einem Gespräch über dessen Werk nicht ausweichen zu können und flüchtet in eine Galerie und entdeckt dort das Bild. Dumm nur, dass Obwalter auch in die Galerie geht, denn er hat das Bild gekauft. Er trifft auf Fries und fragt natürlich nach seinem Urteil. Dieser, eigentlich eher konfliktscheue, Herr, hält nicht mit seinem Urteil hinter dem Berg und schwallt Obwalter sein vernichtendes Urteil entgegen, der widerum verliert die Contenance und schlägt Fries nieder. Skandal, Verurteilung zu Schmerzensgeld, Rücktritt von den politischen Ämter und, on top, Fehlinvestionen, führen dazu, dass Oswald Obwalter sich dem Bankrott gegenüber sieht. Weder er, noch seine Frau Lukretzia sind bereit das so hinzunehmen und gehen eigene illegale Wege, die Finanzen wieder auf gesunde Füße zu stellen, dabei sollen Fries und der Maler des Bildes, eine Rolle spielen. Doch nicht nur die Bewohner des kleinen Voralberger Städtchens sind involviert, sondern auch die russische Mafia.

Christian Mähr ist da eine herrliche Satire gelungen. Alle wollen haben, um jeden Preis. Die Geschichte ist herrlich absurd und es ist spannend, mit welchen kuriosen Verwicklungen Mähr um die Ecke kommt. Immer, wenn man gerade denkt, absurder geht es nimmer, kommt doch noch was. Wer es gerne schräg mag, liegt bei Mähr und seinen fröhlichen Gierhälsen richtig.

Drift von Anne Kuhlmeyer

Drift von Anne Kuhlmeyer

Anne Kuhlmeyer
Drift
Verlag: Ariadne
ISBN 978-3-86754-225-8

Preis 12,00

Die Gerichtsmedizinerin Metha, der Lektor Albrecht, der junge Sydney, Jan, der Bauer und Rosalie, die in Deutschland Russin und in Russland Deutsche ist, sie alle werden von einer Flut überrascht und landen auf der Suche nach Schutz in Jans Haus. Jede und Jeder dieser Zwangsgemeinschaft bringt ihre Geschichte mit und ihre Hoffnungen und Pläne, was nach der Katastrophe sein wird. Alle versuchen auf ihre individuelle Weise mit der Ausnahmesituation zurecht zu kommen. Dann suchen drei „Schwarze“, auf einem Floß treibend, Zuflucht, die Jan ihnen verweigert und sie alle leben nun mit einer gemeinsamen Schuld, die sie einerseits verbindet, aber auch trennt.

Erst einmal vorweg, auch wenn das Buch bei Ariadne erschienen ist, es ist kein Krimi, jedenfalls nicht im üblichen Sinne. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich keine andere Genrebezeichnung dafür finde als: Geniales Buch! Eine Freundin meinte, es würde sie an die Bücher von Ray Bradbury erinnern. Das ging mir auch so, obwohl es auch das nicht ganz trifft, denn es hat auch eine Menge Bulgakow, dessen Namen in einer Episode auch des öfteren fällt, und trotz der Vergleiche mit diesen Autoren, ist es etwas ganz eigenes. Die Charaktere sind exzellent und vielschichtig gezeichnet. Das Setting wunderbar gewählt. Es enthält Geschichten die sich zu einer großen Geschichte verweben und dabei die aktuellen Themen unserer Zeit nicht aussparren.

Fazit: Lesen!

 

Fast so was wie Liebe von Bina Kratsch

Fast so was wie Liebe von Bina Kratsch

Fast so was wie Liebe
Autorin: Bina Kratsch
Wortreich Verlag

Klappenbroschur – EURO 14,90
ISBN 978-3-903091-28-3
224 Seiten, Roman
VÖ 5.5.2017
eBook – EURO 9,99 – erhältlich auf allen Plattformen
ISBN 978-3-903091-35-1
224 Seiten, Roman

Als Nicola und Marc sich vor einigen Jahren begegneten, dachten sie: Das ist die große Liebe. Doch sie kamen nicht zusammen. Marc hatte damals Nicola ein Liebesgedicht geschrieben, welches diese nun beim Gedichtwettbewerb einer Literaturzeitschrift einreicht … und mit zwei weiteren Paaren landen sie in der Endauswahl. Natürlich muss sie nun mit Marc Kontakt aufnehmen. Der sagt auch widerwillig sein Erscheinen zu, denn immerhin ist der Hauptgewinn nicht zu verachten, ein Range Rover im Wert von 80.000 €. In einem Fünf-Sterne-Hotel findet nun die Endausscheidung statt.

Nun könnte man meinen, ach ja, so die übliche Chick-Lit, doch weitgefehlt. Sicher, es hat viele Elemente dieses Genres, aber eben nicht nur. Einmal ist da ein sehr origineller Ansatz, denn die beiden verhinderten Liebenden befinden sich mittlerweile in glücklichen Beziehungen mit anderen Partnern, haben Kinder und nicht den leisesten Wunsch sich zu trennen und doch ist da immer noch so ein Nagen im Hintergrund: Was wäre, wenn es damals alles ganz anders gekommen wäre? Wie Nicola und Marc diese Frage klären, ob es doch noch knistert, dass erzählt Bina Kratsch in ihrem Erstling, kurzweilig und amüsant. Das Buch ist leicht geschrieben, aber bestimmt kein Leichtgewicht, da ist eine Menge mehr drin, als es auf den ersten Blick scheint.


Unvollkommene Verbindlichkeiten von Lena Andersson

Unvollkommene Verbindlichkeiten von Lena Andersson

Unvollkommene Verbindlichkeiten

Autorin: Lena Andersson

Übersetzung aus dem Schwedischen: Gabriele Haefs

Verlag Luchterhand

ISBN 978-3-630-87524-8

Preis 18,00 €

Ester Nilsson, Lyrikerin, Essayistin und Dramatikerin, lernt bei den Proben zu einem ihrer Stücke den Schauspieler Olof Sten kennen. Sie ist begeistert, ist sich sicher, das ist der Mann ihres Lebens. Auch Olof scheint interessiert, trotz Ehefrau und Familienanhang. Ester ist überzeugt, er wird seine Frau verlassen und sie und Olof werden glücklich sein, bis ans Ende ihrer Tage. Allerdings macht Olof keine ernsthaften Anstalten seine Frau zu verlassen, noch behauptet er jemals, dieses tun zu wollen. Das ist jedoch für Ester kein Hindernis, Erklärungen für sein Verhalten ihr gegenüber zu finden und sich einzureden, dass doch alles gut wird, dass Olof einfach noch Zeit braucht. Auf die naheliegende Erklärung, nämlich dass Olof ein ziemliches Arschloch ist und sich nicht das geringste aus ihr und ihren Gefühlen macht, kommt sie nicht, obwohl doch ihr gesamter Freundinnenkreis sehr deutlich signalisiert, lauf was du kannst und lass dich nicht weiter so behandeln. Doch es braucht drei Jahre, bis Ester in der Lage ist ihren Prinzen so zu sehen, wie er wirklich ist, doch dann reagiert sie und zwar sehr rigoros.

Ester Nilsson kam bereits in Lena Andersson vorherigen Roman, Widerrechtliche Inbesitznahme, vor. Auch dort ging es um eine unerfüllte Liebe. Es ist nicht zwingend nötig den Vorgänger gelesen zu haben (außer, dass es ein tolles Buch ist), Unvollkommene Verbindlichkeiten, ist ein in sich abgeschlossener Roman, auch wenn es hin und wieder  Verweise auf diese frühere Beziehung Esters gibt. Ester hat nicht wirklich dazugelernt und welche Auswirkungen dies hat, schildert Lena Andersson eindrucksvoll. Schon alleine die Gespräche mit den Freundinnen zwecks Beziehungsanalyse sind Meisterstücke. Ester ist keine durchweg sympathische Protagonistin, eigentlich ist sie eine ziemliche Nervensäge und man möchte sie schütteln. Ester versucht alles mögliche um ihren Prinzen und seine Nähe-Distanz Ambivalenz zu begreifen, sie liest Psychologie-Bücher, ordnet ihn recht korrekt ein und kommt dann unweigerlich zu den falschen Schlüssen, weil die richtigen ihren Wünschen widersprechen würden. Lena Andersson ist eine interessantesten Autorinnen die ich in den letzten Jahren entdeckt habe. Ihre Bücher sind originell und sie hat ein unglaubliches Talent ihre scharfen Beobachtungen der menschlichen Natur brilliant in Worte zu fassen.

 

Grabgeflüster von Martín Ó Cadhain

Grabgeflüster von Martín Ó Cadhain

Grabgeflüster

Autor: Martín Ó Cadhain

Übersetzung aus dem Irischen: Gabriele Haefs

Verlag: Kröner

1. Auflage, 461 Seiten, Halbleinen, 500 g
ISBN 978-3-520-60101-8

Preis: 24,90 €

Von letzter Ruhe kann hier wirklich nicht die Rede sein. Denn die Toten machen in der Friedhofserde, der Originaltitel ist Cré na Cille = Friedhofserde, einfach weiter wie gehabt. Sie pflegen ihre Fehden, sie rechten und streiten. Hat über der Erde gezählt wieviel Land, Geld, Silberkannen und Besitz man hatte, dort unten ist wichtig, ob man in der Pfund oder 15 Shilling Abteilung begraben ist, wieviel die Kollekte bei der Beisetzung gebracht hat und ob man ein Kreuz von seinen Angehörigen bekommt. Vorzugsweise eines aus dem Kalkstein der Araninseln. Im Grunde ändert sich also nichts, man ist halt nur tot und muss sich mit dem Vergangenen begnügen, denn Zukunft gibt es keine mehr.

Martín Ó Cadhain gilt als der irischsprachige James Joyce und ist in seiner Heimat hochgeachtet. Er wurde 1906 in der Nähe von Galway geboren und hat, so erzählt man sich, bis zu seinem sechsten Lebensjahr kein Wort Englisch gesprochen. Die Gegend in der er wurzelt, die Gaeltracht, also die Ecke im Westen Irlands, in der zur Hauptsache Gälisch gesprochen wurde, ist auch der Handlungsort dieses Buches. Das Original ist 1949 erschienen und das Buch galt lange als nicht zu übersetzen. Was allerdings von Gabriele Haefs, mit dem vorliegenden Werk brilliant wiederlegt hat.

Grabgeflüster ist kein Roman, es wird keine kohärente Geschichte erzählt, es besteht hauptsächlich aus Dialogen und Dialogfetzen, aus denen sich mit der Zeit die Verbindungen der Toten zueinander herauskristallisieren. Das ist aber im Grunde nicht wichtig. Denn durch die Geschichten, die die Toten erzählen, wird eine andere deutlich, nämlich die wie Land und Leute so lebten. Wie hart ihr Leben in diesem kargen Landstrich war und welche Arbeiten und welche Rituale ihren Tag bestimmten. Dieses Buch ist ein sprachliches Feuerwerk und funkelt und strahlt auf jeder Seite. Es dauert vielleicht ein wenig, bis man sich auf das Konzept einlassen kann, aber dann ist man als Beobachter in der Friedhofserde und hört dem Geschimpfe von Caitríona Pháidín zu und dem französischen Soldaten und Kneipen Pedar und all den anderen, dort in der Friedhofserde.

Es ist ein anspruchsvolles Buch, denn es ist kein gemütlicher Irlandaufenthalt. Sehr schön ist, dass es einen ausführlichen Anhang zu Ereignissen und Begriffen gibt, sowie eine kleine Einführung in die irische Sprache.