Magnus Chase – der Hammer des Thors – Rick Riordan

Rick Riordan

Magnus Chase – Der Hammer des Thors

Übersetzung: Gabriele Haefs

Verlag Carlsen

Alter: ab 12 Jahre

ISBN: 978-3-55155889-1

Thor hat wieder einmal die stärkte Waffe der neun Welten, seinen Hammer verloren. Nicht genug damit, dass Asgard Gefahr läuft von den Riesen angegriffen zu werden, nein, er kann auch seine Serien auf Netflix nicht mehr gucken. Das geht natürlich gar nicht und Magnus Chase, die muslimische Walküre Samira und ihre anderen Freunde machen sich auf, um den Hammer zurück zu holen. Schnell wird klar, dass Loki, der Trickser, der Gestaltwandler und Vater von Samira sein eigenes Süppchen kocht, um endlich aus der Höhle befreit zu werden, in der er seit Jahrhunderten von den Göttern gefangen gehalten wird.

Bereits mit dem ersten Teil der Serie hatte ich sehr viel Spaß. Der 2. hat mir fast noch besser gefallen. Wieder bedient sich Rick Riordan aus den Sagen der Edda und mixt es munter mit heutigen. So hat Heimdall, der Wächter der neun Welten, der auf der Regenbogenbrücke Bifröst lebt das Gjallarhorn, mit dem er eigentlich tuten soll, wenn Asgard angegriffen wird, in ein Phablet verwandelt und macht Selfies und die Riesen betrreiben eine Bowlingbahn. Es ist nicht nur eine spannende und lustige Geschichte, die Riordan erzählt, es ist sehr viel mehr. Die Botschaft ist, es ist egal ob du Muslim, Zwerg, Albe oder Einherjer bist, Hauptsache du kämpfst für die richtige Sache. So taucht denn auch in diesem Buch eine transgender Person auf. Alex, ein weiteres Kind Lokis, die nicht nur ihr Geschlecht wechseln, sondern auch Tiergestalt annehmen kann, wie Loki selbst auch. Auch dass Odin und Konsorten weniger als Götter gesehen, sondern eher als sehr mächtige Wesen, fand ich stimmig. Es ist ein wahrlich empfehlenswertes Buch, genauer gesagt, eine empfehlenswerte Serie. Themen wie Rassismus, Transgender, Herkunft und Tradition werden leicht, aber doch nachhaltig behandelt.

Aber das Bild war noch da von Christian Mähr

Aber das Bild war noch da

Autor: Christian Mähr

Verlag: Wortreich Wien

  • Hardcover – EURO 19,90
    ISBN 978-3-903091-26-9
    312 Seiten, Roman
    VÖ 5.5.2017
  • eBook – EURO 9,99 – erhältlich auf allen Plattformen
    ISBN 978-3-903091-34-4
    312 Seiten, Roman

Alles beginnt damit, dass der Politiker Oswald Obwalter einen Roman geschrieben hat. Diesen hat er seinem alten Schulkameraden, dem Krimi-Autoren Martin Fries, zur Begutachtung vorgelegt. Fries scheut sich nun, Obwalter zu sagen, dass dieser eine Menge Mist zusammengeschrieben hat. Als Fries Obwalter auf der Straße sieht, befürchtet er einem Gespräch über dessen Werk nicht ausweichen zu können und flüchtet in eine Galerie und entdeckt dort das Bild. Dumm nur, dass Obwalter auch in die Galerie geht, denn er hat das Bild gekauft. Er trifft auf Fries und fragt natürlich nach seinem Urteil. Dieser, eigentlich eher konfliktscheue, Herr, hält nicht mit seinem Urteil hinter dem Berg und schwallt Obwalter sein vernichtendes Urteil entgegen, der widerum verliert die Contenance und schlägt Fries nieder. Skandal, Verurteilung zu Schmerzensgeld, Rücktritt von den politischen Ämter und, on top, Fehlinvestionen, führen dazu, dass Oswald Obwalter sich dem Bankrott gegenüber sieht. Weder er, noch seine Frau Lukretzia sind bereit das so hinzunehmen und gehen eigene illegale Wege, die Finanzen wieder auf gesunde Füße zu stellen, dabei sollen Fries und der Maler des Bildes, eine Rolle spielen. Doch nicht nur die Bewohner des kleinen Voralberger Städtchens sind involviert, sondern auch die russische Mafia.

Christian Mähr ist da eine herrliche Satire gelungen. Alle wollen haben, um jeden Preis. Die Geschichte ist herrlich absurd und es ist spannend, mit welchen kuriosen Verwicklungen Mähr um die Ecke kommt. Immer, wenn man gerade denkt, absurder geht es nimmer, kommt doch noch was. Wer es gerne schräg mag, liegt bei Mähr und seinen fröhlichen Gierhälsen richtig.

Drift von Anne Kuhlmeyer

Anne Kuhlmeyer
Drift
Verlag: Ariadne
ISBN 978-3-86754-225-8

Preis 12,00

Die Gerichtsmedizinerin Metha, der Lektor Albrecht, der junge Sydney, Jan, der Bauer und Rosalie, die in Deutschland Russin und in Russland Deutsche ist, sie alle werden von einer Flut überrascht und landen auf der Suche nach Schutz in Jans Haus. Jede und Jeder dieser Zwangsgemeinschaft bringt ihre Geschichte mit und ihre Hoffnungen und Pläne, was nach der Katastrophe sein wird. Alle versuchen auf ihre individuelle Weise mit der Ausnahmesituation zurecht zu kommen. Dann suchen drei „Schwarze“, auf einem Floß treibend, Zuflucht, die Jan ihnen verweigert und sie alle leben nun mit einer gemeinsamen Schuld, die sie einerseits verbindet, aber auch trennt.

Erst einmal vorweg, auch wenn das Buch bei Ariadne erschienen ist, es ist kein Krimi, jedenfalls nicht im üblichen Sinne. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich keine andere Genrebezeichnung dafür finde als: Geniales Buch! Eine Freundin meinte, es würde sie an die Bücher von Ray Bradbury erinnern. Das ging mir auch so, obwohl es auch das nicht ganz trifft, denn es hat auch eine Menge Bulgakow, dessen Namen in einer Episode auch des öfteren fällt, und trotz der Vergleiche mit diesen Autoren, ist es etwas ganz eigenes. Die Charaktere sind exzellent und vielschichtig gezeichnet. Das Setting wunderbar gewählt. Es enthält Geschichten die sich zu einer großen Geschichte verweben und dabei die aktuellen Themen unserer Zeit nicht aussparren.

Fazit: Lesen!

 

Fast so was wie Liebe von Bina Kratsch

Fast so was wie Liebe
Autorin: Bina Kratsch
Wortreich Verlag

Klappenbroschur – EURO 14,90
ISBN 978-3-903091-28-3
224 Seiten, Roman
VÖ 5.5.2017
eBook – EURO 9,99 – erhältlich auf allen Plattformen
ISBN 978-3-903091-35-1
224 Seiten, Roman

Als Nicola und Marc sich vor einigen Jahren begegneten, dachten sie: Das ist die große Liebe. Doch sie kamen nicht zusammen. Marc hatte damals Nicola ein Liebesgedicht geschrieben, welches diese nun beim Gedichtwettbewerb einer Literaturzeitschrift einreicht … und mit zwei weiteren Paaren landen sie in der Endauswahl. Natürlich muss sie nun mit Marc Kontakt aufnehmen. Der sagt auch widerwillig sein Erscheinen zu, denn immerhin ist der Hauptgewinn nicht zu verachten, ein Range Rover im Wert von 80.000 €. In einem Fünf-Sterne-Hotel findet nun die Endausscheidung statt.

Nun könnte man meinen, ach ja, so die übliche Chick-Lit, doch weitgefehlt. Sicher, es hat viele Elemente dieses Genres, aber eben nicht nur. Einmal ist da ein sehr origineller Ansatz, denn die beiden verhinderten Liebenden befinden sich mittlerweile in glücklichen Beziehungen mit anderen Partnern, haben Kinder und nicht den leisesten Wunsch sich zu trennen und doch ist da immer noch so ein Nagen im Hintergrund: Was wäre, wenn es damals alles ganz anders gekommen wäre? Wie Nicola und Marc diese Frage klären, ob es doch noch knistert, dass erzählt Bina Kratsch in ihrem Erstling, kurzweilig und amüsant. Das Buch ist leicht geschrieben, aber bestimmt kein Leichtgewicht, da ist eine Menge mehr drin, als es auf den ersten Blick scheint.


Unvollkommene Verbindlichkeiten von Lena Andersson

Unvollkommene Verbindlichkeiten

Autorin: Lena Andersson

Übersetzung aus dem Schwedischen: Gabriele Haefs

Verlag Luchterhand

ISBN 978-3-630-87524-8

Preis 18,00 €

Ester Nilsson, Lyrikerin, Essayistin und Dramatikerin, lernt bei den Proben zu einem ihrer Stücke den Schauspieler Olof Sten kennen. Sie ist begeistert, ist sich sicher, das ist der Mann ihres Lebens. Auch Olof scheint interessiert, trotz Ehefrau und Familienanhang. Ester ist überzeugt, er wird seine Frau verlassen und sie und Olof werden glücklich sein, bis ans Ende ihrer Tage. Allerdings macht Olof keine ernsthaften Anstalten seine Frau zu verlassen, noch behauptet er jemals, dieses tun zu wollen. Das ist jedoch für Ester kein Hindernis, Erklärungen für sein Verhalten ihr gegenüber zu finden und sich einzureden, dass doch alles gut wird, dass Olof einfach noch Zeit braucht. Auf die naheliegende Erklärung, nämlich dass Olof ein ziemliches Arschloch ist und sich nicht das geringste aus ihr und ihren Gefühlen macht, kommt sie nicht, obwohl doch ihr gesamter Freundinnenkreis sehr deutlich signalisiert, lauf was du kannst und lass dich nicht weiter so behandeln. Doch es braucht drei Jahre, bis Ester in der Lage ist ihren Prinzen so zu sehen, wie er wirklich ist, doch dann reagiert sie und zwar sehr rigoros.

Ester Nilsson kam bereits in Lena Andersson vorherigen Roman, Widerrechtliche Inbesitznahme, vor. Auch dort ging es um eine unerfüllte Liebe. Es ist nicht zwingend nötig den Vorgänger gelesen zu haben (außer, dass es ein tolles Buch ist), Unvollkommene Verbindlichkeiten, ist ein in sich abgeschlossener Roman, auch wenn es hin und wieder  Verweise auf diese frühere Beziehung Esters gibt. Ester hat nicht wirklich dazugelernt und welche Auswirkungen dies hat, schildert Lena Andersson eindrucksvoll. Schon alleine die Gespräche mit den Freundinnen zwecks Beziehungsanalyse sind Meisterstücke. Ester ist keine durchweg sympathische Protagonistin, eigentlich ist sie eine ziemliche Nervensäge und man möchte sie schütteln. Ester versucht alles mögliche um ihren Prinzen und seine Nähe-Distanz Ambivalenz zu begreifen, sie liest Psychologie-Bücher, ordnet ihn recht korrekt ein und kommt dann unweigerlich zu den falschen Schlüssen, weil die richtigen ihren Wünschen widersprechen würden. Lena Andersson ist eine interessantesten Autorinnen die ich in den letzten Jahren entdeckt habe. Ihre Bücher sind originell und sie hat ein unglaubliches Talent ihre scharfen Beobachtungen der menschlichen Natur brilliant in Worte zu fassen.

 

Grabgeflüster von Martín Ó Cadhain

Grabgeflüster

Autor: Martín Ó Cadhain

Übersetzung aus dem Irischen: Gabriele Haefs

Verlag: Kröner

1. Auflage, 461 Seiten, Halbleinen, 500 g
ISBN 978-3-520-60101-8

Preis: 24,90 €

Von letzter Ruhe kann hier wirklich nicht die Rede sein. Denn die Toten machen in der Friedhofserde, der Originaltitel ist Cré na Cille = Friedhofserde, einfach weiter wie gehabt. Sie pflegen ihre Fehden, sie rechten und streiten. Hat über der Erde gezählt wieviel Land, Geld, Silberkannen und Besitz man hatte, dort unten ist wichtig, ob man in der Pfund oder 15 Shilling Abteilung begraben ist, wieviel die Kollekte bei der Beisetzung gebracht hat und ob man ein Kreuz von seinen Angehörigen bekommt. Vorzugsweise eines aus dem Kalkstein der Araninseln. Im Grunde ändert sich also nichts, man ist halt nur tot und muss sich mit dem Vergangenen begnügen, denn Zukunft gibt es keine mehr.

Martín Ó Cadhain gilt als der irischsprachige James Joyce und ist in seiner Heimat hochgeachtet. Er wurde 1906 in der Nähe von Galway geboren und hat, so erzählt man sich, bis zu seinem sechsten Lebensjahr kein Wort Englisch gesprochen. Die Gegend in der er wurzelt, die Gaeltracht, also die Ecke im Westen Irlands, in der zur Hauptsache Gälisch gesprochen wurde, ist auch der Handlungsort dieses Buches. Das Original ist 1949 erschienen und das Buch galt lange als nicht zu übersetzen. Was allerdings von Gabriele Haefs, mit dem vorliegenden Werk brilliant wiederlegt hat.

Grabgeflüster ist kein Roman, es wird keine kohärente Geschichte erzählt, es besteht hauptsächlich aus Dialogen und Dialogfetzen, aus denen sich mit der Zeit die Verbindungen der Toten zueinander herauskristallisieren. Das ist aber im Grunde nicht wichtig. Denn durch die Geschichten, die die Toten erzählen, wird eine andere deutlich, nämlich die wie Land und Leute so lebten. Wie hart ihr Leben in diesem kargen Landstrich war und welche Arbeiten und welche Rituale ihren Tag bestimmten. Dieses Buch ist ein sprachliches Feuerwerk und funkelt und strahlt auf jeder Seite. Es dauert vielleicht ein wenig, bis man sich auf das Konzept einlassen kann, aber dann ist man als Beobachter in der Friedhofserde und hört dem Geschimpfe von Caitríona Pháidín zu und dem französischen Soldaten und Kneipen Pedar und all den anderen, dort in der Friedhofserde.

Es ist ein anspruchsvolles Buch, denn es ist kein gemütlicher Irlandaufenthalt. Sehr schön ist, dass es einen ausführlichen Anhang zu Ereignissen und Begriffen gibt, sowie eine kleine Einführung in die irische Sprache.

Ein treuer Freund von Jostein Gaarder

Ein treuer Freund

Autor: Jostein Gaarder

übersetzt aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs

Erscheinungsdatum: 13.03.2017
272 Seiten
Hanser Verlag
Fester Einband
ISBN 978-3-446-25443-5
ePUB-Format
ISBN 978-3-446-25600-2

Jakop Jakopsen ist ein Einzelgänger und Außenseiter und er ist einsam, denn er hat, bis auf Pelle, keine Freunde und auch keine Familie. Pelle allerdings ist eine Handpuppe, die Jakop seit seiner Kindheit hat und die alles ist, was der schüchterne Jakop nicht ist. Pelle ist eloquent, nicht im geringsten schüchtern. In seiner Sehnsucht zu einer Gemeinschaft zu gehören, hat sich Jakob ein seltsames Hobby gesucht. Er geht auf Beerdigungen ihm fremder Menschen und erzählt beim anschließenden Kaffeetrinken eine erfundene Geschichte, wie er den Verstorbenen kennengelernt hat und was sie verbindet. Das geht natürlich nicht immer gut. Einmal wird er entdeckt und so lernt er Agnes kennen und verliebt sich in sie. Auch Agnes hat ihre Geschichte und ob die beiden zusammenfinden und wie Pelle in die Beziehung passen könnte … nun ja, dass erfährt man beim Lesen, dieses wundervollen Buches. Ein weiteres Hobby von Jakop sind Wörter, er ist Etmyologe und bewusst sich mit deren Herkunft. An einer Stelle sagt er:

Meine eigentliche Familie sind die Wörter

Das hat mir sehr gefallen. Überhaupt hat mir das ganze Buch gefallen. Mit Jakop Jakopsen hat Gaarder einen ganz besonderen Protagonisten geschaffen und ich war gerne in seiner Geschichte. Das Buch wurde einigen Orts als Schelmenroman bezeichnet. Ich denke, dass das recht treffend ist. Es hat alles war ein gutes Buch haben muss und Jostein Gaarder hat es geschafft, Themen wie Umwelt, Theologie und Etmyologie zu behandeln, ohne ins Predigen zu kommen, was mich in früheren Büchern sehr gestört hat.

Mein Fazit: Unbedingt Lesen!

 

Emma oder das Ende der Welt von Ketil Bjørnstad

Autor: Ketil Bjørnstad

Emma oder das Ende der Welt

Übersetzung aus dem Norwegischen: Gabriele Haefs & Kerstin Reimers

Verlag: Osburg Verlag

ISBN: 978-3-95510-128-2

Preis: 22,00 €

Es passiert, aber es passiert nicht uns …

… denkt Aslak, als seine 9-jährige Tochter bei einem Flugzeugunglück ums Leben kommt. Er und seine getrennt lebende Frau Hanne sind am Boden zerstört. Sie versuchen in ihrer Trauer zusammenzurücken, doch es scheint zweifelhaft, ob es eine gemeinsame Zukunft geben kann. Zuviel ist zerbrochen und Emma, das Verbindungsglied, ist nicht mehr. Beide befinden sich in einer Art Starre, wissen nicht, wie es weitergehen soll, beruflich und überhaupt. Sie suchen nach Erklärungen für das Geschehene und warum es ausgerechnet ihre Tochter traf. Sie suchen nach Schuldigen, wünschen sich jemanden zur Rechenschaft ziehen zu können, wollen dann wieder nur, dass das Leben weitergeht. Ein Leben, dass sie sich ohne Emma kaum vorstellen können. Rachegedanken, lösen sich mit Verzweifelung ab. Hoffnung und Verzeihen blitzen auf und gehen in einem nächsten Schwall Trauer und wunsch nach Rache unter. Sie denken daran, dass ihr Kind nicht nur glücklich war, dass sie es schwer hatte im anstrengenden Schulalltag. Daran, wie sie von der Klassenschönheit gemoppt und ins Abseits gedrängt wurde. Während Aslak seine Wut auf dieses Mädchen fokussiert, ist Hanne diejenige, die beginnt die Pilotin des Flugzeugs auszuspionieren deutlich konkretere Rachepläne hegt. Ob sie diese in die Tat umsetzt… nun, dazu sollte man das Buch lesen.

Es ist mein erstes Buch von Ketil Bjørnstad und ich bin schier begeistert. Ich gestehe auch, dass ich gezögert habe, diesen Roman, ob der Schwere des Themas, zu beginnen. Es stellte sich heraus, dass es eine gute Entscheidung war, sich doch heranzutrauen. Ja, das Thema ist bedrückend und lässt nur wenig Raum für hellere Gedanken, doch bringt die Sprache, die Musikalität des Erzählers, die Leichtigkeit, die es braucht, sich in Aslaks und Hannes Trauer zu begeben. Das Lob hierfür gilt natürlich auch den Übersetzerinnen, denen es gelungen ist, dieses in die deutsche Fassung zu übertragen.


Kalter Checkout von Silvia Hlavin

Kalter Check-Out
von Silvia Hlavin
Verlag Wortreich

Hardcover – EURO 19,90
ISBN 978-3-903091-24-5
208 Seiten, Roman

Ein Winterhotel in den Bergen ist das Ziel von Anna, Max und ihren Söhnen. Anna weiß, dass es wahrscheinlich das letzte Mal ist, dass sie in dieser Konstellation gemeinsam unterwegs sein werden, denn der Nachwuchs ist dabei das elterliche Nest zu verlassen. So hat sie dieses Hotel nicht ganz ohne Hintergedanken gebucht, dann das hat die Tendenz einzuschneien und eine An- oder Abfahrt unmöglich zu machen, was ihr ein paar zusätzliche Familientage bescheren könnte. Doch als genau das geschieht, ist es gar nicht so lustig und gemütlich, wie sie gedacht hat.

Nicht nur für Anna und die Ihren wird es unangenehm, sondern auch für das Personal. Eine Lebensmittellieferung ist ausgeblieben, die Vorräte werden knapp, die Pumpe vom Schwimmbad funktioniert nicht, dazu die Unsicherheit, wann die Straßen wieder frei sein werden. Der stellvertretende Direktor hat alle Hände voll zu tun. Marlies die Concierge auch, ist sie doch in ihren Vorgesetzten verliebt, sich aber nicht sicher, ob es klug ist sich auf eine Beziehung einzulassen. Dann ist da noch der alleinreisende Gast, der allen ein wenig unheimlich ist und dessen Geschichte sie entsetzen würde.

Seit Shinning von Stephen King wissen wir, dass einsam gelegene, eingeschneite Hotels ein enormes Potential für Konflikte haben. Hier treiben nun nicht die Geister ihr Unwesen, sondern die eigenen Wünsche, Erwartungen und Ängste, sorgen dafür das ein reiches Spannungsfeld entsteht. Silvia Hlavin gliedert ihre Geschichte in drei Erzählstränge in deren Fokus jeweilig Anna, die Concierge Marlies und der unheimliche Alleinreisende stehen. Das macht die Autorin sehr geschickt. Die nahende Katastrophe ist gut spürbar und lässt Raum die verschiedensten Szenarien zu vermuten und durchzuspielen. Der einzige Minuspunkt, ist die Erklärung für einige Vorkommnisse, die mir nicht ganz schlüssig erscheint.

Doch das schmälert ein gutes Buch nur geringfügig, zu Mal es sich um eine subjektive Wahrnehmung handeln könnte. Silvia Hlavins erzählt einfühlsam und schafft lebendige, dreidimensionale Charaktere, die berühren.

Die Buchhandlung von Penelope Fitzgerald

Penelope Fitzgerald
Die Buchhandlung

Roman
Aus dem Englischen von Christa Krüger. Mit einem Nachwort von David Nicholls

Verlag: Suhrkamp

Erschienen: 08.12.2014
insel taschenbuch 4346, Broschur, 164 Seiten
ISBN: 978-3-458-36046-9
Auch als ebook erhältlich

Das Old House in Hardborough, einem kleinen Ort an der englischen Ostküste, steht schon lange leer. Es ist feucht bis in die Grundmauern und ein Poltergeist, ein Klopfer, bewohnt es. Das hält Florence Green nicht davon ab, es zu kaufen und darin eine Buchhandlung zu etablieren. Diese wird zunächst eher skeptisch beäugt, doch so nach und nach stellen sich Kunden ein und sogar eine kleine Leihbücherei kommt hinzu. Es ist Ende der 50-ziger Jahre. Die Erinnerungen an den 2. Weltkrieg sind noch sehr präsent und in Hardborough sind die Leute ebenso prüde, wie anderswo in dieser Zeit, daher ist Mrs. Greens Entscheidung Nabokovs Lolita ins Sortiment zu nehmen, nicht unumstritten. Ein Buch, welches sich deutlich von dem übrigen Sortiment abhebt, das aus Titeln wie: Bauen sie ihr eigenes Rennboot; Ich flog mit dem Führer und Alltag in England besteht.

Hardborough hat also seinen kleinen Skandal, doch das ist nicht das eigentliche Problem Florence Greens. Eine weitere hochgeachtete, und reiche Bürgerin, der Stadt, Mrs. Gramart, hat beschlossen, dass das Old House der geeignete Standort für ein Kulturzentrum ist. Nicht dass die Dame sich wirklich für Kultur interessiert, im Grunde will sie ihren gesellschaftlichen Status noch weiter ausweiten und schreckt auch nicht davor zurück, ihre politischen Verbindungen zu nutzen und in Kauf zu nehmen, dass sie Mrs Green und die Buchhandlung in den Ruin treiben könnte.

Ich bin auf dieses Buch durch die Sendung Druckfrisch gestossen, in der Michael Ondaatje es empfahl, und habe die Anschaffung nicht bereut. Es ist ein kurzer Roman, in dem wir nicht viel über die Hintergründe der Personen erfahren. So wird erwähnt, dass es mal einen Mr. Green gegeben hat, aber außer das er gestorben ist, weiß man nichts über ihn. Auch über Mrs. Greens Vergangenheit ist wenig, nur, dass sie einmal in jungen Jahren in einer Buchhandlung gearbeitet hat. Eine weitere Besonderheit an der Protagonistin ist, dass sie eine Buchhandlung eröffnet, aber überhaupt kein Interesse an Büchern im literarischen Sinne hat. Bevor sie den gewagten Schritt tut, und Lolita ins Sortiment nimmt, holt sie die Meinung eines der ältesten und skurrilsten Bewohner ein, dessen gesellschaftliche Stellung Gewicht hat. Mr. Brundishs Einschätzung ist:

Es ist ein gutes Buch, und deshalb sollten Sie versuchen, es den Einwohnern von Hardborough zu verkaufen. Die werden es nicht verstehen, aber das ist nur gut so. Verstehen macht denkfaul.

Es gab Stellen da hätte ich mir mehr Hintergrund gewünscht, dass will ich gar nicht bestreiten, allerdings musste ich am Schluss einräumen, dass es so, wie es getan, wohl getan ist. Gerade diese gerade Erzählweise ohne Schnörkel machen es zu etwas Besonderen, denn es hallt nach.