Anne B. Ragde – Die Neshov Trilogie

neshov-saga

Das erste Buch, das ich von Anne B. Ragde las war „… ich werde Dich so glücklich machen“ Das war so ein wunderbares Leseerlebnis, dass es von mir aus niemals hätte enden müssen. Wenn ich mit anderen Lesebesessenen über das Buch und die Autorin sprach, kam immer: Aber kennst du auch die Neshov Triologie? Kannte ich nicht und irgendwie kamen mir auch immer andere Bücher dazwischen. Vor einigen Tagen dann sah ich in der Bücherei „Hitzewelle“, wie ich mittlerweile weiß der 3. Teil. Ich nahm es mit und merkte gleich, das hat so wenig Zweck, Du solltest erst die anderen lesen. Hier zeigte sich wieder wozu Blogs gut sind. Band 1 und 2 lagen eines Morgens in der Post. Noch einmal danke an Gabriele.

Nachdem ich solange schon diese Bücher lesen wollte, habe ich erst einmal alles andere beiseite gepackt und dachte ich lese den 1. Teil und dann irgendwann den 2. Das hat nun so nicht geklappt. Frau Ragde raubt mir den Schlaf. „Das Lügenhaus“ habe ich an einem Tag durchgelesen und dann gleich mit Einsiedlerkrebse angefangen. Hitzewelle habe ich mir bestellt.

Das Lügenhaus erzählt wie sich die Mitglieder der Familie Neshov am Sterbebett der Mutter versammelt. Tor, der den Hof der Familie bewirtschaftet – Schweinezucht – Margido, der Bestattungsunternehmer und Erlend, der jüngste Bruder. Der schwule Schaufensterdekorateur. Und Torunn, Tors Tochter, die ihren Vater nur flüchtig kennt. Die drei Brüder haben kaum Kontakt zu einander. Tor ganze Freude im Leben sind seine Schweine, ansonsten ist er sehr depressiv und festgefahren. Margido hat das Haus der Familie seit 7 Jahren nicht betreten, seit er durch Zufall auf das große Geheimnis im Leben seiner Mutter, Anna, gekommen ist. Erlend, der Homosexuelle, lebt eigentlich das normalste Leben von allen. Er ist seit 12 Jahren in Kopenhagen mit seinem Partner Krumme zusammen. Liebt seine Arbeit als Schaufensterdekorateur und hatte eigentlich nie vor, wieder nach Norwegen zu kommen. Torunn nun, kennt außer Tor niemanden von der Familie.  Durch den Todesfall werden diese Menschen aus ihren Alltag gerissen und kommen zusammen. Es ist auch eine Konfrontation mit der Vergangenheit und so nach und nach kommt heraus auf welchem Lügenberg die Familie lebt.

In Einsiedlerkrebse geht es dann weiter. Alle sind mittlweile in ihre jeweiligen Leben zurück gekehrt, aber eine Verbindung bleibt bestehen. Besonders Torunn wird erneut zu Papa Tor und seinen Schweinen gedrängt und soll nun eine Entscheidung treffen. Als sie sich nicht dazu durchringen kann, hat dies fatale Folgen.

Ich bin von beiden Büchern gleichermaßen fasziniert. Frau Ragde hat eine sehr leichte Art schwere Themen rüber zu bringen, ohne dabei oberflächlich zu werden. Die Charaktere sind sehr liebevoll gezeichnet mit all ihren Brüchen.  Eigentlich hat mensch nie das Gefühl es mit Romanfiguren zu tun zu haben, sondern mit Menschen die nebenan wohnen. Na ja, vielleicht ein wenig nördlicher. Keine süßliche Landleben Idylle sondern Landleben wie es ist, mit allen Härten und Schwierigkeiten.

Ich kann kaum erwarten Teil 3 zu fassen zu kriegen …

Hier übrigens ein Feature mit Anne B. Ragde:

The Brave – Gregory Mcdonald

the brave

 

The Brave – Gregory Mcdonald – herausgegeben und übersetzt von Annette Lorenz erschienen im Songdog Verlag Wien 2013

Handlung: 

Rafael lebt mit seiner Familie im mittleren Westen der USA in einer illegalen Trailersiedlung am Rande einer Mülldeponie. Alkohol, Armut, Krankheiten und das Wissen keine Arbeit zu finden, sowie niemals dort fort zu kommen, lassen ihn einen verzweifelten Schritt tun. Er ist bereit sich für 30 000 $ in einem Snuff-Movie (to snuff = jemanden auslöschen) zu Tode foltern zu lassen. Nach dem der „Onkel“ -der Produzent und Regisseur des Filmes – ihm, wie für gute Folterer üblich die Instrumente gezeigt und dem Mann en detail erklärt hat, was mit ihm passieren wird während des Drehs, erklärt Rafael sich bereit es zu machen. Er kriegt 300 $ Vorschuss und hat noch zwei Tage mit seiner Familie …

Frau Braun meint …

… das Gregory Mcdonald ein äußerst beeindruckendes Buch geschrieben hat und das es wohlgetan von Annette Lorenz war, dieses ins Deutsche zu übersetzen. Sie hat das Manuskript zwei Verlagen angeboten (Rowohlt und S. Fischer), die es ablehnten. Andreas Niedermann vom Songdog Verlag hat zugegriffen und auch das war wohlgetan.

Ein Text, der sich radikal mit Armut und Ausbeutung der Armut beschäftigt. Eine kraftvolle, bewegende und traurige Story, die vom lakonischen Stil Mcdonald getragen wird.

Andreas Niedermann – Autor und Verleger

Mcdonald stellt seiner Geschichte voran, dass er nicht darauf verzichten konnte die Beschreibungen des „Onkels“ zu mildern und auch andere Dinge klar benennen musste. Als ich „Kapitel C“ las, wollte ich das Buch auf die Seite legen und dachte, dass kannst Du dir nicht antun. Aber meine zweiten Gedanken sagten: Wenn Du nicht weiter liest, dann machst Du etwas, dass Du anderen vorwirfst: Du siehst weg, weil da etwas steht, was dich anekelt und aufrührt. Sicher ist dies eine Geschichte, aber solche Dinge passieren auch in der Realität und wenn Du dir hier die Freiheit nimmst nicht weiter zu lesen, dann wirst Du irgendwann auch die Augen vor den Grausamkeiten verschließen, die Tag täglich passieren. Ich habe das Buch allerdings erst einmal weg gelegt, um nicht mit diesen Bildern in den Schlaf zu gehen. Heute morgen habe ich es gleich nach zur Hand genommen und zu Ende gelesen. Es war mein erster Gedanke beim Aufwachen:  Ich muss wissen, was mit Rafael passiert. Jetzt sofort!  Wenn ein Autor in der Lage ist, seine Leser so für das Schicksal seiner Figuren zu interessieren, hat er Großes geschaffen.

Ich weiß nicht was mich mehr getroffen hat, dieser obskure Snuff-Movie-Produzent in seiner Widerlichkeit, die Tatsache das es Menschen gibt, die sich am Leiden und  Abschlachten eines Menschen aufgeilen oder die alltäglichen Grausamkeiten, denen Rafael und die anderen Bewohner von Morgantown ausgesetzt sind. Letztere brave Bürger, die die Nase rümpfen über diese Verlierer, die saufen und keinen Job haben. Die sich gleich besser fühlen, weil sie Menschen, die gezwungen sind an einer Mülldeponie zu leben, wie Müll behandeln.

Mcdonald erzählt die Geschichte in einer undramatischen, wie Niedermann richtig sagt, lakonischen Sprache. Zwischen all dem Unmenschlichen, lässt er kleine Pflänzchen der Zärtlichkeit und der Menschlichkeit aufkeimen. Etwa wenn er uns Rafael im Umgang mit seiner Frau und seinen Kindern zeigt oder wenn eine Frau im Supermarkt die Sicherheitsleute darauf hinweist, das Rafael zu Unrecht des Diebstahls bezichtigt wird.

Es sind so starke Bilder und  tief berührende. Interessanterweise hat es nie vorher eine deutsche Übersetzung gegeben. Allerdings wurde das Buch 1994 von Johnny Depp verfilmt und der Film wurde 1997 in Montreaux  gezeigt. Der Film kam nie in die Kinos, es gibt ihn auf DVD. Die Musik ist von Iggy Popp. Hier ein kleiner Eindruck:

Fazit:

Ein zu tiefst beeindruckendes Buch, dass es sich nicht nur zu Lesen lohnt, sondern auch zum Weiterempfehlen!

Neuerscheinungen aus dem Songdog Verlag

Heute sind zwei Neuerscheinungen aus dem Songdog Verlag Wien bei mir gelandet. Ich freue mich schon sehr auf das Lesen und darüber berichten.

am Ende des Tages

 

Am Ende des Tages von Jerk Götterwind -Poetry-

und

the brave

The Brave von Greogory Mcdonald -Roman-

Gregory Mcdonald ist bereits verstorben. The Brave wurde von Johnny Depp, mit ihm und Marlon Brando in den Hauptrollen verfilmt. 1997 lief der Film auf den Filmfestspielen in Cannes.

Die Liebe in groben Zügen von Bodo Kirchhoff

die liebe in groben zuegen

 

Lange habe ich mich nicht mehr mit einem Buch so schwer getan, wie mit diesem. 670 Seiten Beziehungsdilemma. Die Anfang 50jährige Vila und der 60jährige Renz sind so richtige Wohlstandsschranzen. Er schreibt Vorabendserien, sie moderiert eine Kultursendung um Mitternacht. Große Wohnung in Frankfurt, erwachsene Tochter, Haus in Italien, Gourmeteinladungen mit Freunden und Reisen satt. Eigentlich die einzige Bewegung in dem Buch. Diese merkwürdigen Ortsverschiebungen. Ansonsten sind die Beiden einfach festgefahren. Er hatte schon immer Affären, sie so dann und wann auch und nun verliebt er sich in eine krebskranke Producerin und sie sich in einen schriftstellernden Lehrer, der das Italienhaus der Beiden gemietet hat, um einen Roman über Franz von Assisi und die heilige Klara zu schreiben. Aus diesem Manuskript tauchen dann auch immer mal wieder Ausschnitte aus. Wozu ist mir nicht klar geworden.

Es ist das erste Buch, dass ich von Bodo Kirchhoff gelesen habe und es macht mir nicht gerade Appetit auf weitere. Da ich aber fair sein möchte, werde ich mir noch einmal eines seiner früheren Werke vornehmen. Das ich dieses hier durchgehalten habe, wundert mich selber und liegt sicher an Kirchhoffs Sprache, seine Metaphern und seine Zartheit. Nur von den Personen ist mir niemand sympathisch geworden. Schlimmer noch, sie interessierten mich nicht. In Bezug auf Renz schoss mir der Begriff „pathetischer Jammerlappen“ immer wieder durch den Kopf. Das neben der Beziehungskisten und der Liebe im Alter, auch noch die Themen Missbrauch, Krebs und Franz Assisi mit einfließen mussten, fand ich besonders störend.

Die Liebe in groben Zügen, tja, schöner Titel. Noch schöner wäre, wenn das Thema in deutlich gröberen Zügen abgehandelt worden wäre, statt dieses langatmigen Auseinanderpflückens des Seelenlebens, dieses Paares, dass sich meiner Meinung nach auf Seite dreihundert, einfach hätte trennen sollen. Wären ihnen und mir einiges erspart geblieben. Interessant aber, so wenig wie die Beiden sich von einander lösen konnten, war es mir möglich, eingedenk des braunschen Gesetzes (150 Seiten, wenn es dann nicht zündet, wech damit), das Buch fort zu legen. Kann ich mir nur so erklären, dass da immer wieder so kleine Zündfunken aufglimmten, die dann leider sofort wieder verglühten. Schade!

Die Liebe in groben Zügen

Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2012
ISBN 9783627001834
Gebunden, 669 Seiten, 28,00 EUR

Eine lange Nacht auf Erden – Ingvar Ambjörnsen

eine lange nacht auf Erden

Der bekannte Journalist Claes Otto Gedde sieht seinem 60 zigsten Geburtstag entgegen. Beruflich klappt alles seit einiger Zeit schon nicht mehr. Seine Bekanntheit mischt sich mit trauriger Berühmtheit und statt Fernsehsendungen und große Artikelserien zu machen, schreibt er mittlerweile Kochbücher für den norwegischen Freßsack Verlag. Vor seinem sechzigsten Geburtstag möchte er einen langen Winter in Berlin verbringen. Als Domizil hat er sich die Wohnung seiner verstorbenen Freundin Margot erwählt. Doch bevor es in diese geht, macht er noch Station in Frankfurt, um sein Buch “Die alte belgische Küche” zu präsentieren. Wohl wissend, dass es keine Lorbeeren für dieses aus dem Internet zusammen geklaute Werk geben wird. Angewidert vom Literaturbetrieb und seinem nicht sehr hohen Stellenwert in diesem, mach Gedde sich auf nach Berlin, um in der Einsamkeit von Margots Wohnung in eine Art Winterschlaf zu gehen. Um in Einsamkeit nachzudenken und zu sein …

… doch dann kommt alles ganz anders. Dieser Claes Otto Gedde ist kein netter älterer Herr, der in Würden (wie immer das geht) altert. Nein, er ist ein Zyniker und Egoist, der sich recht rücksichtslos die Welt zurecht zu biegen versucht bis sie in seine Vorstellungen passt. Das klappt nicht so wirklich, eigentlich immer nur bedingt. Denn Claes Otto Gedde ist auch einer, der sich immer wieder selber im Wege steht. Menschen brüskiert, Situationen falsch einschätzt und überhaupt keiner ist, der ein Fettnäpfchen auslässt, in das er tapsen könnte. “Ein lange Nacht auf Erden” ist ein nachdenklich machendes Buch.

Ingvar Ambjörnsen hat ein Händchen für schräge Typen. Diese ziehen sich durch sein Gesamtwerk und auch wenn diese Typen keine Sympathieträger par exellence sind, so haben sie doch immer etwas, das sie den Leser_innen lieb macht. So auch hier. Sicher ist dieser Claes Otto Gedde keiner, den mensch so ohne weiteres mag, gleichzeitig kommt aber Mitleid auf und an einigen Stellen ein liebevolles Lächeln, über diesen zynischen Gauner und seine Tendenz in tragikomische Situationen zu geraten. Ambjörnsen ist ein scharfer Beobachter, der sich nicht scheut klar zu benennen. Sein Blick auf die Welt ein schonungsloser, aber kein liebloser.

Fazit: Absolut empfehlenswert.

Ingvar Ambjörnsen
Eine lange Nacht auf Erden
Roman
Übersetzung aus dem Norwegischen: Gabriele Haefs
ISBN 978-3-86789-173-8
256 Seiten
12,5 x 21,0 cm
geb.
sofort lieferbar
18,99 €
Rotbuch Verlag

 

Clemens J. Setz – Indigo

Indigo

 

Clemens J. Setz ist ein noch sehr junger Autor aus Graz/Österreich. Mit seinen gerade einmal 30 Jahren hat er schon einiges veröffentlicht und war dieses Jahr mit Indigo auf der Shortlist für den Buchpreis der Frankfurter Buchmesse.

Setz ist meiner Meinung nach einer der interessantesten Autor_innen unserer Zeit. Bereits “Die Frequenzen” fand ich sehr beeindruckend. Und die wundervolle Aufmachung von Indigo hält auch inhaltlich was sie verspricht.

Der Titel bezieht sich auf das esoterische Phänomen Indigo Kinder. (Es scheint ja eh keine richtigen Saubratzen mehr zu geben, sondern nur noch, Sonnen-, Regenbogen- und Indigokinder) Diese Kinder sollen eine Indigo-blaue Aura haben und hochbegabt bis besonders spirituell sein. So die gängige Erklärung. Nicht so bei Setz. Hier lösen die Kinder mit diesem Phänomen Übelkeit, Kopfschmerzen und andere Unhelligkeiten bei ihren Mitmenschen aus. Da kotzt eine Mutter schon mal in die Wiege, wenn sie nach ihremIndido- Baby guckt.

Zur Handlung:

Ein junger Mathematik Lehrer mit Namen Clemens J. Setz kommt ins Institut Helianau, einer Internatsschule für Indigo Kinder. Er hat es schwer sich an die, durch die Krankheit vorgegebenen, Unterrichtsmethoden zu gewöhnen. Als er bemerkt, dass immer einmal Kinder vom Institut fortgebracht werden, mal als Clown, mal als Kaminkehrer verkleidet, wird er neugierig und fragt nach. Es kommt zum Eklat mit dem Institutsleiter und er muss gehen. Nun auf sich gestellt macht er sich auf die Suche nach den Kindern. Zwischendrin wird er des Mordes verdächtigt, aber freigesprochen.

Setz Bücher sind selten einfach zu lesen. So auch dieses, es findet keine lineare Handlung statt. Es ist eine Geschichte aus Versatzstücken, die sich mehr und mehr verdichten und schließlich ein Bild ergeben. Wie auch bei “Die Frequenzen” fiel es mir schwer in die Geschichte zu kommen, aber wie dort auch hier, als ich mich fragte, ob ich überhaupt weiterlesen möchte, waren schon so viele Haken geschlagen, dass ich es musste. In einem Interview wird das Buch als Labyrinth beschrieben und das ist es auch. Clemens J. Setz hat eine unglaublich bildreiche Sprache und seine Metaphern wirken auf den ersten Moment so abstrus, sind aber absolut stimmig, dass der/die Leser_in sich unwillkürlich fragt, was in dem Kopf des Autors vor sich geht. Unglaublich spannend ist, dass der Autor die Leser mit auf eine Suche nimmt. Der Text ist immer wieder durch “Dokumente”, die in grünen und in rotkarierten Mappen einsortiert sind, unterbrochen.

Mir gefiel besonders, dass Setz sich ein unbewiesenes, extrem positiv besetztes Phänomen wie die Indigo Kinder, vorgenommen hat und es mit völlig anderen Attributen versehen hat. Überhaupt ist in diesem Buch immer Mal wieder alles ganz anders. Es bietet schon einen sehr schonungslosen Blick auf unsere Welt. Die zwischenmenschlichen Beziehungen, sowie ihre sexuelle Ebene miteinander haben etwas klinisch sportliches. Wie auch in Frequenzen, dachte ich angesichts der Menge Oralsex, hmm typisch männlich. Muss aber mein Urteil revidieren. Sicher ist Setz Art puren Sex, ohne Erotik oder gar Emotionen, zu zeigen, nicht gerade ansprechend, aber doch sehr stimmig im Kontext zu unserer Zeit, in der Sex überbewertet und sehr sportlich geworden ist.

Das Buch zu beschreiben ist extrem schwer, weil es so unglaublich viele Facetten hat. Ich kann nur empfehlen es zu lesen und sich nicht von dem etwas schwierigen Einstieg abhalten zu lassen. Es lohnt sich.

Indigo
Clemens J. Setz
Suhrkamp Verlag
D: 22,95 € 
A: 23,60 € 
CH: 32,90 sFr
 
Erschienen: 10.09.2012
Gebunden, 479 Seiten
ISBN: 978-3-518-42324-0

 

Weiße Nigger von Ingvar Ambjörnsen

 “Weiße Nigger” von Ingvar Ambjörnsen. Es ist sein 2. Roman der auch in Deutschland erschien und ist so lesenswert. Ambjörnsen Blick ist ja immer sehr schonungslos, aber nie abfällig, es schwingt bei aller Deutlichkeit der Sprache Humor und Lebenslust mit, auch wenn es einmal eher um das Gegenteil geht. Mir gefällt dieser sehr trockene Humor und die zum Teil lakonischen Beschreibungen der menschlichen Abgründe. Das Buch ist 1985 erschienen und für mich eine Reise in die Jugendzeit.

Mein Interesse an Ingvar Ambjörnsen begann mit den Elling Romanen. Nach denen habe ich einige seine neueren Veröffentlichungen gelesen und hier bereits öfter besprochen. Als ich dann wieder einmal darunter litt, nie studiert zu haben und habe ich mir ja vorgenommen, einmal das Gesamtwerk eines Autors zu lesen und zwar nicht nur unter dem Aspekt: Das ist ein Autor der mir gefällt, in den Geschichten kann ich versinken, sondern mit dem literaturwissenschaftlichen Blick.  Ein Grund warum ich mich chronologisch durchs Ambjörnsensche Werk  lese. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich schon immer sehr viel mehr beim Lesen in Betracht gezogen habe, als die Fähigkeit des/der Autor_in mich temporär aus dem Alltag zu lösen. Am nächsten Literatur Stammtisch, werde ich übrigens ein Kapitel aus seinem jüngsten Buch: Den Oridongo hinauf lesen.

Meister und Margarita von Michail Bulgakov

Ich lese ja gerade einmal wieder Der Meister und Margarita. Michail Bulgakows Meisterwerk in der neuen Übersetzung von Alexander Nitzberg und bin begeistert. Ich habe es bereits in zwei anderen Übersetzungen gelesen, aber diese ist eindeutig die beste. Das Buch wurde mir übrigens von meinen liebe Kolleg_innen vom Medusa Literatur Verlag zum Geburtstag geschenkt. Danke noch einmal dafür.

In der SWR Sendung Literatur im Foyer wurde es kürzlich besprochen:

SWR Mediathek – Literatur im Foyer – Klassiker u. a. Meister und Margarita

Selten waren sich Menschen so einig über ein Buch, wie Thea Dorn und ihre Gäste und ich kann Ihnen nur zustimmen.

Meister und Margarita

Neben der ausgezeichneten Übersetzung, die den Figuren durch eine weniger gestelzte Sprache sehr viel mehr Leben verleiht, ist das Buch sehr edel aufgemacht. Die Handlung spielt im Moskau der 30ziger Jahre und ist schwer zu erzählen. Kurz gesagt: Der Teufel kommt nach Moskau und feiert ein Fest. Es ist eine Faust-Geschichte der besonderen Art. Mensch muss es einfach lesen, um es in seiner gesamten Brillanz zu begreifen, beschreiben lässt es sich nicht, außer in Superlativen und die sagen alles und nichts zu gleich.

Michail Bulgakow

Meister und Margarita

Verlag Galiani Berlin
Aus dem Russischen übersetzt und herausgegeben
von Alexander Nitzberg
ca. 600 Seiten
Halbleinen, Lesebändchen, feinste Ausstattung
Mit einem Nachwort von Felicitas Hoppe
und mit von Wolfgang und Ekaterina Shapiro-Obermair
händisch collagierten Fotos aus dem alten Moskau versehen
Euro 29,99 (D) | sFr 41,90 | Euro 30,90 (A)
ISBN 978-3-86971-058-7

Goldene Tage von Andreas Niedermann

Vor kurzem habe ich obiges Buch beendet. Da ist dem Herrn Niedermann mit seinem 10. Buch wirklich ein “goldenes” gelungen. Ich bin jedenfalls tief beeindruckt.

cc Karin Braun

Andreas Niedermann ist nicht nur Autor, sondern auch Verleger. Das Buch ist in eben diesem Verlag, nämlichSongdog erschienen. Auch schreibt der Autor einen sehr lesenswerten Blog: Songdog-Blog

Die 80er Jahre in einer, nicht näher bezeichneten, mitteleuropäischen Stadt. Der Kleingauner Rambo Rimbaud trifft den alternden und publikumsmüden Schriftsteller Andreas, der ihm von der Möglichkeit eines Golddiebstahls berichtet, dem jungen Mann seine Hilfe zusichert und von diesem im Gegenzug, das Versprechen fordert, das er ihm zu sterben hilft, wenn er den Zeitpunkt für gekommen hält. Der Deal gilt und dann … geht alles gut und alles schief. Wie überhaupt in Rambos Leben alles gut und schief zur gleichen Zeit geht. Er hat keine Träume, nur einen diffusen Wunsch zur Fremdenlegion zu gehen. Doch bevor er ernsthafte Schritte in dieser Richtung unternimmt, will er den großen Coup landen. Man(n) möchte ja nicht als Kleingauner unter all den hartgesottetenen Jungs dastehen. All das findet vor den, für die 80er typischen, Großdemonstrationen statt, vor Auseinandersetzungen mit staatlicher Gewalt, neuen (alten) faschistoiden Strömungen und dem Wunsch nach Selbstbestimmung. Da sind die alte Werte verteidigenden Alten und die Jungen die deutliche Veränderungen fordern. Da ist das weite Feld der freien Liebe, die dann doch nicht immer so frei ist, wie gedacht und letztendlich ist da dieser junge Mann, dessen Perspektivlosigkeit beim Lesen fast körperliche Schmerzen bereitet und ihm gegenüber der alte, desillusionierte Schriftsteller, der nur noch für sich selber schreibt und ansonsten in einer Kindergartenküche arbeitet.
Andreas Niedermann ist mit seinem 10. Buch ein sehr treffendes Bild des Zeitgeistes der 80er gelungen. Er versteht es geschickt die gesellschaftlichen Entwicklungen im Großen, wie auch im Kleinen, dar zu stellen und ihre Auswirkungen auf den Einzelnen. Schön auch die klare Sprache und die fast skizzenhaften Beschreibungen der Umgebungen und Szenen, die trotzdem klare Bilder entstehen lassen. Überhaupt hat mir das sehr gefallen. Es ist bei aller Klarheit, bei allem Vorgegebenen, genug Raum für eigene Bilder, ohne das man das Gefühl hat, der Autor sagt zu wenig. Also Fazit: Sehr empfehlenswert!

Der potemkinsche Hunde von Cordula Simon

Selten habe ich mich mit einem Buch so schwer getan, wie mit diesem Werk von Cordula SimonDer Potemkinsche Hund ist im Picus Verlag erschienen und der erste Roman der Autorin. Ein Satz im Klappentext hatte bei mir einen Haken geschlagen:

In ihrem außergewöhnlichen Roman, der an die fantastisch-absurde Tradition eines Bulgakov gemahnt, gelingt es Cordula Simon nicht nur, zwei Menschen in ihrer Einsamkeit geradezu schmerzhaft zu porträtieren, die surreale Geschichte eines wieder zum Leben Erweckten ist üppig gefüllt mit ukrainischen Impressionen, bizarren Charakteren und kafkaesken Situationen.

Nun, ich kann der Autorin sehr wohl die Fantasie Bulgakows, sowie auch einen Sinn für das Absurde bescheinigen, allerdings hätte ich ihr an so manchen Stellen auch den Charme und den Stil dieses großen Erzählers gewünscht.

Die Geschichte ist eine traurige. Anatol wird von einer Frau, die ihn zu Lebzeiten begehrte, nach seinem Tod durch, ich nenne es einmal chemische Magie, zum Leben erwägt. Fortan gibt es keine Ruhe mehr für ihn. Begleitet von dem Hund Celobaka streift er durch die Ukraine. Von Odessa bis Kiew und wieder zurück. Die Erweckerin des Toten, im Glauben ihr Experiment sei missglückt, zieht ebenfalls ruhelos durch die Welt. Irgendwann begegnen die Beiden sich, aber erkennen sich nicht. Ist auch schlüssig, denn auch zu Lebzeiten Anatols hat Irina ihn ja nicht gekannt, sondern nur das Bild, dass sie sich von ihm machte, während er sie kaum wahrgenommen hat.

Ein Bild von der Einsamkeit und dem Leid dieser beiden Menschen zu vermitteln, gelingt der Autorin wirklich recht gut. Aber keiner der Beiden ist mir beim Lesen wirklich nahe gekommen. Wer Anatol zu Lebzeiten war, erschließt sich dem/der Leser-in sehr, sehr zäh. Auch die Wiedererweckerin ist über lange Strecken nur sehr blass erkennbar.  Zwischendrin drängte sich mir immer einmal wieder die Frage auf: Will ich überhaupt noch wissen, wie es weiter geht? Das wollte ich dann doch. Was den Protangonisten nicht gelungen war, gelang den, sehr scharfsinnig gezeichneten Nebenfiguren.

Was das Lesen ebenfalls recht beschwerlich machte, ist der Sprachrhytmus der Autorin. Teils stieß ich da auf abenteuerliche Satzkonstruktion von enormer Länge, deren Sinn sich mir erst nach lautem Vorlesen erschloss. Das mag nun als besonders literarisch durchgehen. Mensch denke an die Klagenfurter Schule und so, aber es hindert halt im Versinken in der Geschichte.

Und doch, es ist ein lesenswertes Buch.  Ich weiß nicht unter welchen Umständen die Autorin es geschrieben hat oder in welchem Tempo der Verlag es herausbringen wollte. Vielleicht hätte ein wenig mehr Feinarbeit zwischen Lektorat und Autorin geholfen einige Längen zu vermeiden.

Ich war auf diesen Roman über Blogg dein Buch gekommen und bereue es nicht durchgehalten zu haben.  Auch bin ich sehr gespannt wie das nächste Buch von Frau Simon sein wird.