Angst von Dirk Kurbjuweit

Dirk Kurbjuweits Buch lässt mich recht zwei gespalten zurück. In der einschlägigen Presse ist es hochgelobt und wird gerne als Psychothriller bezeichnet. Was ich mehr als unpassend finde.

Handlung:

Die Familie des Architekten Tiefenthaler zieht in eine gut bürgerliche Wohngegend, in den 1. Stock eines eleganten Wohnhauses. Die Familie besteht aus dem Architekten Randolph, seiner Frau Rebecca und 2 wohlgeratenen Kindern. Alles solide Mittelschicht mit einem festen Glauben an den Rechtsstaat.  Dieser wird durch den Mieter der Souterrain Wohnung, Dieter Tiberius, erschüttert. Dieser beginnt die Familie zu stalken, beobachtet genau ihr kommen und gehen, schreibt Briefe mit sexuellen Anspielungen an Frau Tiefenthaler und unterstellt den Tiefenthalers schließlich sie würden ihre Kinder sexuell missbrauchen. Die Familie wendet sich an Anwälte und Polizei und erfährt, dass sich nichts gegen Tiberius unternehmen lässt, da dieser nicht gewalttätig sei. Tiefenthaler ist in seinen tiefen Glauben an den Rechtsstaat erschüttert. Der Protagonist, ist eigentlich eher ein sanfter nachdenklicher Mensch und stark geprägt durch sein Aufwachsen mit einem Vater, der immer Waffen hatte und trug und auch seine Kinder an Waffen heran führen wollte. Tiefenthaler erlebte sehr angstvolle Momente in seinem Elternhaus. So hatte er immer die Befürchtung, sein Vater könnte eines Tages, wegen irgendeiner Verfehlung die Waffe gegen ihn richten und ihn „tot machen“.  Tiefenthaler lehnt Waffen ab, lehnt Gewalt ab und lässt diese doch wieder in sein Leben, als der Rechtsstaat ihm nicht helfen kann.

Das Buch beginnt mit einer unglaublich starken Szene, in der Tiefenthaler seinen Vater im Gefängnis besucht, wo dieser eine Strafe wegen Totschlags an besagten Tiberius verbüßt.

Das, in Ich-Form geschriebene Buch ist also eine Retrospektive auf die Ereignisse. Tiefenthaler beginnt, mit einigen Abstand zu der Tat, die Ereignisse aufzuschreiben. Er reflektiert über seine Kindheit, über das Wesen von Erinnerungen, über Kindererziehung, über seine Ehe, darüber was guten und schlechten Sex ausmacht, bis er schließlich bei der Ermordung Tiberius landet. Bei der Gewalt, die er ja eigentlich ablehnt, aber dann doch in sein Leben lässt. Denn im letzten Kapitel deckt er auf, das er Tiberius getötet hat und sein Vater die Strafe auf sich genommen hat.

Frau Braun meint:

Sicher ein spannendes Buch, wenn auch kein Psychothriller, stellenweise ist es eher ein Gesellschaftsporträt. Auch ist es ein nachdenklich stimmendes Buch, aber auch eines, was in den gängigen Kritiken deutlich überschätzt wird. Jedenfalls sehe ich das so. Sicher ist das Thema ein spannendes. Doppelt, weil diese Stalking-Geschichte tatsächlich in Kurbjuweits Leben stattgefunden hat und ich glaube da liegt der Knackpunkt. Stellenweise hatte ich das Gefühl, das der Autor und sein Protagonist ein wenig durcheinander geraten sind.  Alle Figuren scheinen mir stimmig, bis auf den Protagonisten, der von Kapitel zu Kapitel immer unglaubwürdiger wird. Er beginnt als einer, der Gewalt ablehnt, der Waffen ablehnt, der an den Rechtsstaat glaubt und der eigentlich nur eines will, ein ruhiges Leben in einem einigermaßen Wohlstand und endet, als jemand, der Papi und der Welt zeigen will, dass er doch einer ist, der seine Familie verteidigen kann, wenn der Staat versagt und erschießt kaltblütig einen Menschen via aufgesetzten Kopfschuss. Das passt nicht, zu Mal die Alternative um Ruhe in die Sache zu bringen, ja die ganze Zeit greifbar war. Die Familie hätte ausziehen können.  Das war der Gedanke der mich durchweg beschäftigte, warum ziehen die nicht aus? Sicher kein ruhmreicher Ausweg, aber wenn ich solche Angst um die Sicherheit meiner Kinder und der Menschen meiner Familie hätte, wie sie Tiefenthaler empfindet, dann ist das der Weg den ein Mensch geht, besonders wenn er so hoch moralisch an den Rechtsstaat glaubt und gegen Gewalt ist.

Fazit: Sicher ein gutes Buch.  Aber ganz sicher ist es auch zu sehr hochgejubelt.

Angst – Dirk Kurbjuweit

  • Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Berlin; Auflage: 3 (18. Januar 2013)

Hitzewelle von Anne B. Ragde

hitzewelle

 

„Hitzewelle“ ist der 3. Teil von Anne B. Ragdes Neshov Trilogie.  In diesem Teil wird die Geschichte der Familie Neshov, nach dem Freitod von Torunns Vater, weiter erzählt. Torunn leidet unter Schuldgefühlen. Sie kann nicht verwinden, dass ihr Vater sich umgebracht hat, weil sie ihm nicht zu sagen konnte, den Hof zu übernehmen. Sie fühlt sich gezwungen weiter zu machen, ist aber gleichzeitig nicht in der Lage nötige Veränderungen anzugehen. Gleichzeitig wird der Druck von Außen immer unerträglicher. Die Mutter, die ihre Tochter wieder in Oslo wissen will, die Onkel die allesamt ihre eigenen Pläne um den Hof haben, deren Gelingen davon abhängig ist, dass Torunn, die Anerbin, den Hof mit landwirtschaftlicher Nutzung weiterführt.

Es ist auch nicht so, dass die Menschen um Torunn nicht sehen, dass sie Hilfe braucht, aber keiner gibt ihr die, die sie wirklich braucht. Materielle Unterstützung ist eben leichter gegeben, als tatkräftiges Miteinander. Schließlich hat ja jeder sein eigenes Leben. Jeder bis auf Torunn, die schließlich explodiert …

Frau Braun meint:

… der dritte Teil um die Neshov Familie lässt mich mit ein wenig zwiespältigen Gefühlen zurück. Stellenweise ist die Luft raus. Es ist so ein Patchwork. Da sind ganze Textteile aus den früheren Bänden übernommen. Einiges wird nachvollziehbarer, einige Figuren entwickeln sich dann doch recht merkwürdig. An einigen Stellen dachte, wäre besser gewesen, mit dem zweiten Teil Schluss zu machen und das Ende offen zu lassen, dann wieder zog es mich weiter. Es ist schwer die drei Bücher einzeln zu besprechen, denn eigentlich gehören sie zusammen. Bilden eine Einheit. Stellenweise hatte ich die Idee, dass es als „ein“ Buch besser funktionieren würde. Aber nun ist es, wie es ist.

Fazit: Trotz einiger Schwächen sehr lesenswert. Allerdings sollten zukünftige Leser besser alle drei Bücher lesen und zwar in chronologischer Reihenfolge: Das Lügenhaus – Einsiedlerkrebse – Hitzewelle.

Schwarzer Frost von David Wonschewski

schwarzer frost

 

Schwarzer Frost ist der Debütroman von David Wonschewski. David hat lange Zeit als Musikjounalist für verschiedene große Sender gearbeitet. Auch sein Protagonist ist Musikjournalist.  Der Begriff „Schwarzer Frost entstammt der Seefahrt. Damit bezeichnet man Vereisungen, die an Schiffen auf Grund großer Kälte und Luftfeuchtigkeit entstehen. Durch das erhöhte Gewicht kommt es zu Havarien. In dem Roman geht es nicht um ein Schiff, sondern um einen Menschen der auf seinem Lebensweg besagten Schwarzen Frost angesetzt und sein Gleichgewicht verloren hat. Das Buch ist im Bewusstseinsstrom geschrieben. Der Leser ist sozusagen als Gast in den Gedanken des Ich-Erzählers. Kein bequemer Ort, denn der Protagonist, der sich selbst als einen Menschen bezeichnet, der ein Mörder sein könnte, ist schwer depressiv und nur die Lebensverneinung und die Faszination des Todes, besonders des Selbstmordes, verschaffen ihm menschliche Gefühle. Während er auf den verhassten Lohfeld, den Starmoderator des Senders wartet, Lohfeld den er hasst, der ihn anwidert, reflektiert der Erzähler seine Beziehungen zu den Menschen in seinem Umfeld. Da ist einmal seine Ex-Freundin Marie, die es immerhin sechs Jahre mit ihm ausgehalten hat. Dann sind die Erinnerungen an Moritz da, der Mensch dem der Erzähler immer bescheinigt hat, dass dieser sich umbringen wird.  Und in der Gegenwart gibt es Lohfeld, der alles verkörpert was der Protagonist ablehnt und den er trotzdem zu sich in die Wohnung, in seine Höhle eingeladen hat. Zu sich, dem Menschen der ein Mörder sein könnte …

Frau Braun meint:

… das David Wonschewski da ein ganz besonderes Buch geschrieben hat. Sicher keines in dem es sich entspannt sein lässt und in dem man noch ein paar Seiten vor dem Einschlafen liest. Es ist schwer sich daraus zu lösen, besonders da es keine kurzen Kapitel gibt. Der Roman besteht aus drei Teilen, die Zeit bevor Lohfeld da ist, als Lohfeld da ist und nachdem Lohfeld fort ist. Ich muss gestehen, dass ich für diese 238 Seiten recht lange gebraucht habe und auch einmal zwei, drei Tage Urlaub von diesen Strom der Depression und Misanthropie brauchte. Wer nun denkt, ich meine damit, dass es literarisch ungenügend ist, irrt. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wonschewski zieht seine Leser der Art in die beklemmende Gedankenwelt seines Protagonisten, dass die Befürchtung besteht sich mit schwarzem Frost zu infizieren, wenn man nicht ab und an ein wenig Abstand sucht. Das interessante war, dass die Pausen nie während des Lesens erforderlich wurden, sondern ihre Notwendigkeit sich immer erst zeigte, wenn ich das Buch erneut zur Hand nehmen wollte. Dem Autoren ist eine bemerkenswerte Gratwanderung gelungen, der Abgrund ist durchgängig spürbar, aber durch die Emotionen die der Text auslöst, auch der feste Boden. Der Reigen von Gefühlen ging bei mir, von Mitleid, Abscheu, Ekel über Wut und erschreckender Weise Verständnis für so einige Schlussfolgerungen. Im Grunde löste es bei mir die Emotionen aus, zu denen der Erzähler nicht mehr fähig war.

Das Buch wurde, glaube ich gelesen zu haben, von der Thomas Bernhard Gesellschaft ausgezeichnet. Ich habe Bernhard nie gelesen, bin aber durch Schwarzer Frost auf den Appetit gekommen. Übrigens, wer nun glaubt, dass es keinen Humor in diesem Werk gibt … es gibt ihn … allerdings einen so rabenschwarzen, dass es eine Pracht ist.

DAVID WONSCHEWSKI: „Schwarzer Frost“

Ein verstörender Einblick in die Gedankenwelt eines Menschen, der ein Mörder sein könnte.
Buch, Softcover 238 S., 20,6 x 13,5 cm
ISBN: 978-3-940767-97-4,
Edition Periplaneta, GLP: 13,50 € (D)

 

Anne B. Ragde – Die Neshov Trilogie

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Das erste Buch, das ich von Anne B. Ragde las war „… ich werde Dich so glücklich machen“ Das war so ein wunderbares Leseerlebnis, dass es von mir aus niemals hätte enden müssen. Wenn ich mit anderen Lesebesessenen über das Buch und die Autorin sprach, kam immer: Aber kennst du auch die Neshov Triologie? Kannte ich nicht und irgendwie kamen mir auch immer andere Bücher dazwischen. Vor einigen Tagen dann sah ich in der Bücherei „Hitzewelle“, wie ich mittlerweile weiß der 3. Teil. Ich nahm es mit und merkte gleich, das hat so wenig Zweck, Du solltest erst die anderen lesen. Hier zeigte sich wieder wozu Blogs gut sind. Band 1 und 2 lagen eines Morgens in der Post. Noch einmal danke an Gabriele.

Nachdem ich solange schon diese Bücher lesen wollte, habe ich erst einmal alles andere beiseite gepackt und dachte ich lese den 1. Teil und dann irgendwann den 2. Das hat nun so nicht geklappt. Frau Ragde raubt mir den Schlaf. „Das Lügenhaus“ habe ich an einem Tag durchgelesen und dann gleich mit Einsiedlerkrebse angefangen. Hitzewelle habe ich mir bestellt.

Das Lügenhaus erzählt wie sich die Mitglieder der Familie Neshov am Sterbebett der Mutter versammelt. Tor, der den Hof der Familie bewirtschaftet – Schweinezucht – Margido, der Bestattungsunternehmer und Erlend, der jüngste Bruder. Der schwule Schaufensterdekorateur. Und Torunn, Tors Tochter, die ihren Vater nur flüchtig kennt. Die drei Brüder haben kaum Kontakt zu einander. Tor ganze Freude im Leben sind seine Schweine, ansonsten ist er sehr depressiv und festgefahren. Margido hat das Haus der Familie seit 7 Jahren nicht betreten, seit er durch Zufall auf das große Geheimnis im Leben seiner Mutter, Anna, gekommen ist. Erlend, der Homosexuelle, lebt eigentlich das normalste Leben von allen. Er ist seit 12 Jahren in Kopenhagen mit seinem Partner Krumme zusammen. Liebt seine Arbeit als Schaufensterdekorateur und hatte eigentlich nie vor, wieder nach Norwegen zu kommen. Torunn nun, kennt außer Tor niemanden von der Familie.  Durch den Todesfall werden diese Menschen aus ihren Alltag gerissen und kommen zusammen. Es ist auch eine Konfrontation mit der Vergangenheit und so nach und nach kommt heraus auf welchem Lügenberg die Familie lebt.

In Einsiedlerkrebse geht es dann weiter. Alle sind mittlweile in ihre jeweiligen Leben zurück gekehrt, aber eine Verbindung bleibt bestehen. Besonders Torunn wird erneut zu Papa Tor und seinen Schweinen gedrängt und soll nun eine Entscheidung treffen. Als sie sich nicht dazu durchringen kann, hat dies fatale Folgen.

Ich bin von beiden Büchern gleichermaßen fasziniert. Frau Ragde hat eine sehr leichte Art schwere Themen rüber zu bringen, ohne dabei oberflächlich zu werden. Die Charaktere sind sehr liebevoll gezeichnet mit all ihren Brüchen.  Eigentlich hat mensch nie das Gefühl es mit Romanfiguren zu tun zu haben, sondern mit Menschen die nebenan wohnen. Na ja, vielleicht ein wenig nördlicher. Keine süßliche Landleben Idylle sondern Landleben wie es ist, mit allen Härten und Schwierigkeiten.

Ich kann kaum erwarten Teil 3 zu fassen zu kriegen …

Hier übrigens ein Feature mit Anne B. Ragde:

The Brave – Gregory Mcdonald

the brave

 

The Brave – Gregory Mcdonald – herausgegeben und übersetzt von Annette Lorenz erschienen im Songdog Verlag Wien 2013

Handlung: 

Rafael lebt mit seiner Familie im mittleren Westen der USA in einer illegalen Trailersiedlung am Rande einer Mülldeponie. Alkohol, Armut, Krankheiten und das Wissen keine Arbeit zu finden, sowie niemals dort fort zu kommen, lassen ihn einen verzweifelten Schritt tun. Er ist bereit sich für 30 000 $ in einem Snuff-Movie (to snuff = jemanden auslöschen) zu Tode foltern zu lassen. Nach dem der „Onkel“ -der Produzent und Regisseur des Filmes – ihm, wie für gute Folterer üblich die Instrumente gezeigt und dem Mann en detail erklärt hat, was mit ihm passieren wird während des Drehs, erklärt Rafael sich bereit es zu machen. Er kriegt 300 $ Vorschuss und hat noch zwei Tage mit seiner Familie …

Frau Braun meint …

… das Gregory Mcdonald ein äußerst beeindruckendes Buch geschrieben hat und das es wohlgetan von Annette Lorenz war, dieses ins Deutsche zu übersetzen. Sie hat das Manuskript zwei Verlagen angeboten (Rowohlt und S. Fischer), die es ablehnten. Andreas Niedermann vom Songdog Verlag hat zugegriffen und auch das war wohlgetan.

Ein Text, der sich radikal mit Armut und Ausbeutung der Armut beschäftigt. Eine kraftvolle, bewegende und traurige Story, die vom lakonischen Stil Mcdonald getragen wird.

Andreas Niedermann – Autor und Verleger

Mcdonald stellt seiner Geschichte voran, dass er nicht darauf verzichten konnte die Beschreibungen des „Onkels“ zu mildern und auch andere Dinge klar benennen musste. Als ich „Kapitel C“ las, wollte ich das Buch auf die Seite legen und dachte, dass kannst Du dir nicht antun. Aber meine zweiten Gedanken sagten: Wenn Du nicht weiter liest, dann machst Du etwas, dass Du anderen vorwirfst: Du siehst weg, weil da etwas steht, was dich anekelt und aufrührt. Sicher ist dies eine Geschichte, aber solche Dinge passieren auch in der Realität und wenn Du dir hier die Freiheit nimmst nicht weiter zu lesen, dann wirst Du irgendwann auch die Augen vor den Grausamkeiten verschließen, die Tag täglich passieren. Ich habe das Buch allerdings erst einmal weg gelegt, um nicht mit diesen Bildern in den Schlaf zu gehen. Heute morgen habe ich es gleich nach zur Hand genommen und zu Ende gelesen. Es war mein erster Gedanke beim Aufwachen:  Ich muss wissen, was mit Rafael passiert. Jetzt sofort!  Wenn ein Autor in der Lage ist, seine Leser so für das Schicksal seiner Figuren zu interessieren, hat er Großes geschaffen.

Ich weiß nicht was mich mehr getroffen hat, dieser obskure Snuff-Movie-Produzent in seiner Widerlichkeit, die Tatsache das es Menschen gibt, die sich am Leiden und  Abschlachten eines Menschen aufgeilen oder die alltäglichen Grausamkeiten, denen Rafael und die anderen Bewohner von Morgantown ausgesetzt sind. Letztere brave Bürger, die die Nase rümpfen über diese Verlierer, die saufen und keinen Job haben. Die sich gleich besser fühlen, weil sie Menschen, die gezwungen sind an einer Mülldeponie zu leben, wie Müll behandeln.

Mcdonald erzählt die Geschichte in einer undramatischen, wie Niedermann richtig sagt, lakonischen Sprache. Zwischen all dem Unmenschlichen, lässt er kleine Pflänzchen der Zärtlichkeit und der Menschlichkeit aufkeimen. Etwa wenn er uns Rafael im Umgang mit seiner Frau und seinen Kindern zeigt oder wenn eine Frau im Supermarkt die Sicherheitsleute darauf hinweist, das Rafael zu Unrecht des Diebstahls bezichtigt wird.

Es sind so starke Bilder und  tief berührende. Interessanterweise hat es nie vorher eine deutsche Übersetzung gegeben. Allerdings wurde das Buch 1994 von Johnny Depp verfilmt und der Film wurde 1997 in Montreaux  gezeigt. Der Film kam nie in die Kinos, es gibt ihn auf DVD. Die Musik ist von Iggy Popp. Hier ein kleiner Eindruck:

Fazit:

Ein zu tiefst beeindruckendes Buch, dass es sich nicht nur zu Lesen lohnt, sondern auch zum Weiterempfehlen!

Neuerscheinungen aus dem Songdog Verlag

Heute sind zwei Neuerscheinungen aus dem Songdog Verlag Wien bei mir gelandet. Ich freue mich schon sehr auf das Lesen und darüber berichten.

am Ende des Tages

 

Am Ende des Tages von Jerk Götterwind -Poetry-

und

the brave

The Brave von Greogory Mcdonald -Roman-

Gregory Mcdonald ist bereits verstorben. The Brave wurde von Johnny Depp, mit ihm und Marlon Brando in den Hauptrollen verfilmt. 1997 lief der Film auf den Filmfestspielen in Cannes.

Die Liebe in groben Zügen von Bodo Kirchhoff

die liebe in groben zuegen

 

Lange habe ich mich nicht mehr mit einem Buch so schwer getan, wie mit diesem. 670 Seiten Beziehungsdilemma. Die Anfang 50jährige Vila und der 60jährige Renz sind so richtige Wohlstandsschranzen. Er schreibt Vorabendserien, sie moderiert eine Kultursendung um Mitternacht. Große Wohnung in Frankfurt, erwachsene Tochter, Haus in Italien, Gourmeteinladungen mit Freunden und Reisen satt. Eigentlich die einzige Bewegung in dem Buch. Diese merkwürdigen Ortsverschiebungen. Ansonsten sind die Beiden einfach festgefahren. Er hatte schon immer Affären, sie so dann und wann auch und nun verliebt er sich in eine krebskranke Producerin und sie sich in einen schriftstellernden Lehrer, der das Italienhaus der Beiden gemietet hat, um einen Roman über Franz von Assisi und die heilige Klara zu schreiben. Aus diesem Manuskript tauchen dann auch immer mal wieder Ausschnitte aus. Wozu ist mir nicht klar geworden.

Es ist das erste Buch, dass ich von Bodo Kirchhoff gelesen habe und es macht mir nicht gerade Appetit auf weitere. Da ich aber fair sein möchte, werde ich mir noch einmal eines seiner früheren Werke vornehmen. Das ich dieses hier durchgehalten habe, wundert mich selber und liegt sicher an Kirchhoffs Sprache, seine Metaphern und seine Zartheit. Nur von den Personen ist mir niemand sympathisch geworden. Schlimmer noch, sie interessierten mich nicht. In Bezug auf Renz schoss mir der Begriff „pathetischer Jammerlappen“ immer wieder durch den Kopf. Das neben der Beziehungskisten und der Liebe im Alter, auch noch die Themen Missbrauch, Krebs und Franz Assisi mit einfließen mussten, fand ich besonders störend.

Die Liebe in groben Zügen, tja, schöner Titel. Noch schöner wäre, wenn das Thema in deutlich gröberen Zügen abgehandelt worden wäre, statt dieses langatmigen Auseinanderpflückens des Seelenlebens, dieses Paares, dass sich meiner Meinung nach auf Seite dreihundert, einfach hätte trennen sollen. Wären ihnen und mir einiges erspart geblieben. Interessant aber, so wenig wie die Beiden sich von einander lösen konnten, war es mir möglich, eingedenk des braunschen Gesetzes (150 Seiten, wenn es dann nicht zündet, wech damit), das Buch fort zu legen. Kann ich mir nur so erklären, dass da immer wieder so kleine Zündfunken aufglimmten, die dann leider sofort wieder verglühten. Schade!

Die Liebe in groben Zügen

Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2012
ISBN 9783627001834
Gebunden, 669 Seiten, 28,00 EUR

Eine lange Nacht auf Erden – Ingvar Ambjörnsen

eine lange nacht auf Erden

Der bekannte Journalist Claes Otto Gedde sieht seinem 60 zigsten Geburtstag entgegen. Beruflich klappt alles seit einiger Zeit schon nicht mehr. Seine Bekanntheit mischt sich mit trauriger Berühmtheit und statt Fernsehsendungen und große Artikelserien zu machen, schreibt er mittlerweile Kochbücher für den norwegischen Freßsack Verlag. Vor seinem sechzigsten Geburtstag möchte er einen langen Winter in Berlin verbringen. Als Domizil hat er sich die Wohnung seiner verstorbenen Freundin Margot erwählt. Doch bevor es in diese geht, macht er noch Station in Frankfurt, um sein Buch “Die alte belgische Küche” zu präsentieren. Wohl wissend, dass es keine Lorbeeren für dieses aus dem Internet zusammen geklaute Werk geben wird. Angewidert vom Literaturbetrieb und seinem nicht sehr hohen Stellenwert in diesem, mach Gedde sich auf nach Berlin, um in der Einsamkeit von Margots Wohnung in eine Art Winterschlaf zu gehen. Um in Einsamkeit nachzudenken und zu sein …

… doch dann kommt alles ganz anders. Dieser Claes Otto Gedde ist kein netter älterer Herr, der in Würden (wie immer das geht) altert. Nein, er ist ein Zyniker und Egoist, der sich recht rücksichtslos die Welt zurecht zu biegen versucht bis sie in seine Vorstellungen passt. Das klappt nicht so wirklich, eigentlich immer nur bedingt. Denn Claes Otto Gedde ist auch einer, der sich immer wieder selber im Wege steht. Menschen brüskiert, Situationen falsch einschätzt und überhaupt keiner ist, der ein Fettnäpfchen auslässt, in das er tapsen könnte. “Ein lange Nacht auf Erden” ist ein nachdenklich machendes Buch.

Ingvar Ambjörnsen hat ein Händchen für schräge Typen. Diese ziehen sich durch sein Gesamtwerk und auch wenn diese Typen keine Sympathieträger par exellence sind, so haben sie doch immer etwas, das sie den Leser_innen lieb macht. So auch hier. Sicher ist dieser Claes Otto Gedde keiner, den mensch so ohne weiteres mag, gleichzeitig kommt aber Mitleid auf und an einigen Stellen ein liebevolles Lächeln, über diesen zynischen Gauner und seine Tendenz in tragikomische Situationen zu geraten. Ambjörnsen ist ein scharfer Beobachter, der sich nicht scheut klar zu benennen. Sein Blick auf die Welt ein schonungsloser, aber kein liebloser.

Fazit: Absolut empfehlenswert.

Ingvar Ambjörnsen
Eine lange Nacht auf Erden
Roman
Übersetzung aus dem Norwegischen: Gabriele Haefs
ISBN 978-3-86789-173-8
256 Seiten
12,5 x 21,0 cm
geb.
sofort lieferbar
18,99 €
Rotbuch Verlag

 

Clemens J. Setz – Indigo

Indigo

 

Clemens J. Setz ist ein noch sehr junger Autor aus Graz/Österreich. Mit seinen gerade einmal 30 Jahren hat er schon einiges veröffentlicht und war dieses Jahr mit Indigo auf der Shortlist für den Buchpreis der Frankfurter Buchmesse.

Setz ist meiner Meinung nach einer der interessantesten Autor_innen unserer Zeit. Bereits “Die Frequenzen” fand ich sehr beeindruckend. Und die wundervolle Aufmachung von Indigo hält auch inhaltlich was sie verspricht.

Der Titel bezieht sich auf das esoterische Phänomen Indigo Kinder. (Es scheint ja eh keine richtigen Saubratzen mehr zu geben, sondern nur noch, Sonnen-, Regenbogen- und Indigokinder) Diese Kinder sollen eine Indigo-blaue Aura haben und hochbegabt bis besonders spirituell sein. So die gängige Erklärung. Nicht so bei Setz. Hier lösen die Kinder mit diesem Phänomen Übelkeit, Kopfschmerzen und andere Unhelligkeiten bei ihren Mitmenschen aus. Da kotzt eine Mutter schon mal in die Wiege, wenn sie nach ihremIndido- Baby guckt.

Zur Handlung:

Ein junger Mathematik Lehrer mit Namen Clemens J. Setz kommt ins Institut Helianau, einer Internatsschule für Indigo Kinder. Er hat es schwer sich an die, durch die Krankheit vorgegebenen, Unterrichtsmethoden zu gewöhnen. Als er bemerkt, dass immer einmal Kinder vom Institut fortgebracht werden, mal als Clown, mal als Kaminkehrer verkleidet, wird er neugierig und fragt nach. Es kommt zum Eklat mit dem Institutsleiter und er muss gehen. Nun auf sich gestellt macht er sich auf die Suche nach den Kindern. Zwischendrin wird er des Mordes verdächtigt, aber freigesprochen.

Setz Bücher sind selten einfach zu lesen. So auch dieses, es findet keine lineare Handlung statt. Es ist eine Geschichte aus Versatzstücken, die sich mehr und mehr verdichten und schließlich ein Bild ergeben. Wie auch bei “Die Frequenzen” fiel es mir schwer in die Geschichte zu kommen, aber wie dort auch hier, als ich mich fragte, ob ich überhaupt weiterlesen möchte, waren schon so viele Haken geschlagen, dass ich es musste. In einem Interview wird das Buch als Labyrinth beschrieben und das ist es auch. Clemens J. Setz hat eine unglaublich bildreiche Sprache und seine Metaphern wirken auf den ersten Moment so abstrus, sind aber absolut stimmig, dass der/die Leser_in sich unwillkürlich fragt, was in dem Kopf des Autors vor sich geht. Unglaublich spannend ist, dass der Autor die Leser mit auf eine Suche nimmt. Der Text ist immer wieder durch “Dokumente”, die in grünen und in rotkarierten Mappen einsortiert sind, unterbrochen.

Mir gefiel besonders, dass Setz sich ein unbewiesenes, extrem positiv besetztes Phänomen wie die Indigo Kinder, vorgenommen hat und es mit völlig anderen Attributen versehen hat. Überhaupt ist in diesem Buch immer Mal wieder alles ganz anders. Es bietet schon einen sehr schonungslosen Blick auf unsere Welt. Die zwischenmenschlichen Beziehungen, sowie ihre sexuelle Ebene miteinander haben etwas klinisch sportliches. Wie auch in Frequenzen, dachte ich angesichts der Menge Oralsex, hmm typisch männlich. Muss aber mein Urteil revidieren. Sicher ist Setz Art puren Sex, ohne Erotik oder gar Emotionen, zu zeigen, nicht gerade ansprechend, aber doch sehr stimmig im Kontext zu unserer Zeit, in der Sex überbewertet und sehr sportlich geworden ist.

Das Buch zu beschreiben ist extrem schwer, weil es so unglaublich viele Facetten hat. Ich kann nur empfehlen es zu lesen und sich nicht von dem etwas schwierigen Einstieg abhalten zu lassen. Es lohnt sich.

Indigo
Clemens J. Setz
Suhrkamp Verlag
D: 22,95 € 
A: 23,60 € 
CH: 32,90 sFr
 
Erschienen: 10.09.2012
Gebunden, 479 Seiten
ISBN: 978-3-518-42324-0

 

Weiße Nigger von Ingvar Ambjörnsen

 “Weiße Nigger” von Ingvar Ambjörnsen. Es ist sein 2. Roman der auch in Deutschland erschien und ist so lesenswert. Ambjörnsen Blick ist ja immer sehr schonungslos, aber nie abfällig, es schwingt bei aller Deutlichkeit der Sprache Humor und Lebenslust mit, auch wenn es einmal eher um das Gegenteil geht. Mir gefällt dieser sehr trockene Humor und die zum Teil lakonischen Beschreibungen der menschlichen Abgründe. Das Buch ist 1985 erschienen und für mich eine Reise in die Jugendzeit.

Mein Interesse an Ingvar Ambjörnsen begann mit den Elling Romanen. Nach denen habe ich einige seine neueren Veröffentlichungen gelesen und hier bereits öfter besprochen. Als ich dann wieder einmal darunter litt, nie studiert zu haben und habe ich mir ja vorgenommen, einmal das Gesamtwerk eines Autors zu lesen und zwar nicht nur unter dem Aspekt: Das ist ein Autor der mir gefällt, in den Geschichten kann ich versinken, sondern mit dem literaturwissenschaftlichen Blick.  Ein Grund warum ich mich chronologisch durchs Ambjörnsensche Werk  lese. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich schon immer sehr viel mehr beim Lesen in Betracht gezogen habe, als die Fähigkeit des/der Autor_in mich temporär aus dem Alltag zu lösen. Am nächsten Literatur Stammtisch, werde ich übrigens ein Kapitel aus seinem jüngsten Buch: Den Oridongo hinauf lesen.