Eines der Bücher, welches mich in der letzten Zeit am meisten beeindruckt hat und noch beschäftigt ist „The Brave“ von Gregory Mcdonald übersetzt und herausgegeben von Annette Lorenz, erschienen im Songdog Verlag/Wien. Daher habe ich Annette Lorenz einige Fragen zu dem Buch gestellt.

Annette Lorenz

Magst Du zuerst ein wenig etwas zu Deiner Person erzählen?

Ich bin vom Jahrgang 1968, was purer Zufall ist, aber mir wahrscheinlich eine Schwäche für Rock’n’Roll und Revoluzzer beschert hat. Geboren und wohnhaft bin ich in Leipzig. Mit dieser Stadt verbindet mich viel, schon wegen der bewegten endachtziger Jahre, die in Leipzig besonders interessant waren. Ich habe hier an einer Fachschule das Bibliothekswesen studiert. Meine Mitstudentinnen (die Mitstudenten ließen sich an einer Hand abzählen) hat es oftmals in andere Berufe verschlagen – ich arbeite seit 1991 an der Leipziger Unibibliothek. Ich bin ein ziemlich neugieriger und kunstinteressierter Mensch. Und wenn man Bücher, Musikstücke oder Bilder als Reisen sieht, dann bevorzuge ich die Nachtwanderungen.

1. Bist Du hauptberuflich Übersetzerin?

Nein. Seit ich mit etwa 20 Ginsberg und Kerouac entdeckt habe und nicht alles, was mich interessierte, schon übersetzt war, habe ich es mir angewöhnt, englische Originale zu lesen. Ginsberg hab ich so für den Hausgebrauch auch mal schriftlich versucht, ins Deutsche zu bringen, aber dafür braucht man schon eine gewisse jugendliche Skrupellosigkeit. An so etwas würde ich mich jetzt nicht mehr heranwagen.
The Brave ist insofern meine allererste (und vielleicht auch meine einzige) schriftliche Übersetzung. Ich fing einfach an, kam gut voran, und das Ergebnis gefiel mir schließlich gut genug, um nach einem Verlag zu suchen. Wobei es mir hauptsächlich darum ging, dieses Buch vor dem Vergessen zu bewahren. 2011 hab ich es entdeckt, 1991 war das Original erschienen – die Uhr tickte.

2. Wie bist Du auf dieses Buch gestossen?

Ich mag den Schauspieler Johnny Depp ziemlich gerne. Damit bin ich ganz bestimmt nicht die Einzige, aber nicht jeder ist neugierig genug, um nach den unbekannteren Seiten so eines Hollywoodstars zu schauen. Mr. Depp hat Regie für die Filmversion von ‚The Brave‘ geführt, mich interessierte das, deshalb hab ich mir die DVD übers Internet besorgt. Die Meinungen über den Film sind geteilt, aber ohne ihn wäre ich nie auf dieses großartige Buch gestoßen. Genauso dankbar wie dem Filmteam kann ich dem Internet sein: hier fand ich außer einem antiquarischen, halbwegs bezahlbaren Exemplar auch viele brauchbare Informationen.
 

3. Soweit mir bekannt ist, hat es vor Deiner nie eine Übersetzung ins Deutsche gegeben, was ungewöhnlich ist, da der Stoff ja auch verfilmt wurde, kannst Du Dir erklären warum das so ist?

Ich fand das auch ungewöhnlich und hab als Allererstes beim Rowohlt Verlag (der ein paar andere Bücher von Gregory Mcdonald auf deutsch herausgebracht hat) gefragt, ob dort noch irgendwelche Rechte noch ‚auf Halde‘ liegen. Der Film ist ja auch schon über zehn Jahre alt, es ist wirklich erstaunlich, dass es hier in Deutschland in all den Jahren kein Interesse an dem Buch gab. Zumal es eine französische Version gibt, die relativ gut gelaufen ist und einen Preis (Trophées 813) bekommen hat. Nachdem ich herausbekommen hatte, dass es noch keine Übersetzung gibt, hab natürlich über mögliche Gründe nachgedacht. Mit Sicherheit liegt es am Thema des Buches. Die meisten wollen nichts über extreme Armut hören und sehen, lesen schon gar nicht, also sind auch die Verlage nicht allzu begeistert von solchen Themen. Vielleicht hat es deshalb in Frankreich besser geklappt mit einer Veröffentlichung, da haben soziale Themen einen ganz anderen Stellenwert als hier. Wahrscheinlich wurde die Geschichte, falls sich
jemand damit beschäftigt haben sollte, als abschreckend empfunden, wegen der Beschreibung von Grausamkeiten und der relativ kargen Form mit vielen Dialogen, Aufzählungen und Wortwiederholungen. Wenn man nicht aufmerksam liest, entgeht einem das Unterschwellige, vor allem die Sympathie des Autors mit den Leuten von Morgantown. Dann erscheint es als düstere Horrorgeschichte. Und andersherum: Leser, die es auf die Grausamkeiten abgesehen haben, haben wahrscheinlich kein Interesse an den genauen Milieuschilderungen.

4. Zu welchem Zeitpunkt beim Lesen des Originals war Dir klar, dass Du es unbedingt übersetzen und veröffentlichen willst?

Spätestens nach dem ersten Durchlesen. Wahrscheinlich schon mittendrin.

5. War es schwer die Rechte für die Übersetzung und Veröffentlichung zu bekommen?

Erstaunlicherweise nicht. Das ist ja ein kleines Abenteuer, wenn man so etwas noch nie gemacht hat. Am schwierigsten war es eigentlich, herauszufinden, wer die Rechteinhaber sind. Aber bei beharrlicher Suche kommt man im Internet gut vorwärts. Auf die richtige Spur führte letzten Endes ein Nachruf aus einer US-amerikanischen Zeitung. Mr. List, der Rechteinhaber, meldete sich letzten Endes zuerst bei mir, nachdem ich erfolglos nach seiner Mail- oder Postadresse gesucht hatte. Eine aufregende Sache, so eine Mailkorrespondenz auf englisch über den Großen Teich! Besonders, wenn sie von Erfolg gekrönt ist. Der Kontakt war von Anfang an sehr freundlich, und die Lizenz ließ sich unproblematisch und zu fairen Bedingungen erwerben. Bestimmt ist das nicht immer so einfach.

 6. Wie schwer war es einen Verlag zu finden?

Ich wundere mich immer noch, dass es überhaupt geklappt hat. Ich glaube, normalerweise suchen sich Verlage selber die Originale heraus, die sie interessieren und geben dann selbst die Übersetzung in Auftrag. Und nun: ein völlig unbekannter Autor, ein vor 20 Jahren erschienenes Buch, eine Amateurübersetzerin, ungewisse Lizenzkosten – das klingt nicht einladend. Vitamin B spielte auch keine Rolle. Ich habe letzten Endes meine Bücherregale durchgesehen, von allen verlagen, die mir passend erschienen, die Adressen herausgesucht und die Werbetrommel gerührt. Das hat dann auch ein paar Kosten verursacht, weil viele Verlage Manuskripte nur in Papierform akzeptieren, nicht als Mail. Es war so ein bisschen wie sich für einen Job zu bewerben. Anschreiben (warum passt gerade dieser Verlag), Zusammenfassung der Handlung und Leseprobe. Die war auch so eine Sache. Zuerst habe ich das Anfangs- und das Endkapitel genommen und später auf Kapitel a und e abgeändert. Ich glaube, es waren so an die 20 verlage, von manchen kam gar keine Antwort, von manchen Absagen, die offensichtlich aus Textbausteinen bestanden und auch ein paar persönlichere Schreiben, z. B. von der Edition Nautilus und vom Maro-Verlag. Die Quintessenz war immer, dass die verlagsprogramme auf Jahre hinaus voll sind und man leider keine Möglichkeit sieht. Diese Verlagssuche hat so etwa ein Jahr gedauert, dann bin ich endlich auf den Songdog-Verlag
gestoßen.
 
 7. Schließlich konntest Du das Buch bei Andreas Niedermann im Songdog Verlag unterbringen, hast Du da viel Überzeugungsarbeit leisten müssen?
Erstaunlicherweise nicht. Ich hatte die kurze Leseprobe eigentlich selbst für nicht sehr aussagekräftig gehalten, aber Andreas hat sie in seiner ersten Mail zurück gleich richtig interpretiert. „Das ist zweifellos guter Stoff“, hat er geschrieben. Mir war klar, dass ich den richtigen Verlag aus dem Netz gefischt hatte. Ich kannte den Songdog-Verlag vorher gar nicht. Als ich gerade mal wieder eine Absage gekriegt hatte mit dem Urteil, es sei ein ziemlich unangenehmer, schwerer Stoff, fiel mir das Klischee vom ewig grantelnden Österreicher ein und ich sagte mir, versuch’s doch mal mit denen. Ich fand ein österreichisches Verlagsportal im www, der Name und die Homepage vom Songdog-Verlag gefiel mir am besten – so kam es zu meinem Kontakt zu Andreas Niedermann. Der gar kein Österreicher, sondern ein Schweizer ist.
 

8. Machst Du auch Lesungen?

Wenn’s dem Buch was nützt, würde ich sogar Lesungen machen. Aber es ist eigentlich nicht mein Ding, öffentlich aufzutreten. Bei den wenigen Anlässen, wo es doch mal sein musste, ist mir das Lampenfieber immer mächtig auf die Stimme geschlagen.

9. Meiner Meinung nach gehört dieses Buch in Schulen oder sollte viele junge Leser_innen finden. Gibt es da Möglichkeiten?

Die Bekannten, denen ich es bisher zu Lesen gegeben habe, sind so um die 40 oder älter. Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, wie es von Jugendlichen aufgenommen werden könnte. Ist die Snuff-Film-Szene nicht doch ein bisschen hart für dieses Alter? Über das Thema Schulen hab ich bisher noch überhaupt nicht nachgedacht. Ich weiß auch nicht genau, wen ich danach fragen könnte.
 

10. Welche literarischen Pläne hast Du? Ist ein eigenes Werk zu erwarten?

Das Übersetzen war schon eine interessante Sache. Vielleicht gibt es ja wieder etwas, was mich so packt, dass ich mich unbedingt damit beschäftigen muss. Wer weiß? Für einen Freund bringe ich, um in Übung zu bleiben, einen Text ins Englische. Was daraus wird, und ob es jemals fertig wird – keine Ahnung. Das ist so eine Art Autobiographie von ihm „Kein schöner Punk in dieser Zeit“ heißt es. Das, was ich da auf Englisch schreibe, kann vielleicht später mal eine Vorlage für einen Muttersprachler sein, der das Ganze in Form bringen kann. Eigentlich verstehe mich mich besser aufs Lesen als aufs Schreiben. Bis aufs Tagebuchschreiben, das ich seit 2000 wieder aufgenommen habe. Tagebuchschreiben ist etwas anderes als Literatur, das sind alle möglichen Gedanken und Erinnerungen, und weil das für spätere Generationen vielleicht doch aufbewahrenswert ist, habe ich Kopien davon and Emmendinger Tagebucharchiv gegeben. Ein Leipziger Verein hat letztens Geschichten über ein Stadtviertel namens Lindenau gesammelt, dafür hab ich ein paar Tagebuchschnipsel bearbeitet.

 


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