Am Vorabend ihrer Hochzeit erschießt die Soldatin Mattea, unter  Einfluss von Alkohol und Drogen, eine Freundin. Eigentlich die Freundin ihrer besten Freundin. Auf ihrer Hochzeitsfeier wird sie verraten und muss fliehen. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Geschichte nicht im heutigen Österreich spielt, sondern in einem in einer nicht allzu fernen Zukunft. Einer Zukunft, in der der Traum Europa ausgeträumt und Österreich ein faschistisch regiertes Land ist. Die Bürger werden mittels Fonbändern, über die sie im Internet surfen, Bezahlungen tätigen, Nachrichten empfangen, sich ausweisen, sowie durch nahezu flächendeckend installierte Kameras, überwacht. An allen öffentlichen Einrichtungen und Plätzen sind meterhohe und -breite Mediawände aufgestellt, über die Nachrichten laufen, was eine Flucht natürlich deutlich erschwert. Zu allem Überfluss wird Mattea auch noch mit einer flüchtigen Terroristin, mit Ina Mattusek, verwechselt.

Im Grunde ist diese Mattea linientreu. Klar, sie ist nicht glücklich bei der Miliz, darum hat sie sich zu einer arrangierten Ehe entschlossen, um dem Dienst zu entgehen. Denn wer Mutter und Ehefrau wird, leistet seinen Beitrag für das Vaterland und ist aus der Schusslinie.  Ihr ist bewusst, dass vieles schief läuft, glaubt aber auch der Propaganda der Herrschenden, dass es nun einmal nötig ist Opfer zu bringen. Nach einer recht wilden Flucht gelingt es ihr, sich nach Linz zu ihrer Großmutter väterlicherseits durch zuschlagen, die sie mit der Widerstandsbewegung in Kontakt bringt, die ihr, in dem Glauben, es mit Ina Mattusek zu tun zu haben, hilft. Während dessen behaupten die Medien, sie hätten die wahre Ina Mattusek gefangen genommen und ein perfides Spiel mit den Identitäten der beiden Frauen beginnt.

Gudrun Lerchbaum hat mit Lügenland ein aktuelles Buch geschrieben. Ein wichtiges Buch. Anhand der Geschichte von Matteas Flucht zeigt sie, wie brüchig das Weltbild wird, wenn man über seinen Tellerrand hinausgeschubst wird. Wenn die alten Regeln und vermeintlichen Sicherheiten nicht mehr gelten. Ihre Protagonistin ist keine typische Heldin, ja, sie ist nicht einmal sonderlich sympathisch. Wie auch, denn wenn wir sie kennenlernen, hat  sie gerade scheinbar grundlos eine Freundin erschossen. Mattea sie ist einfach in eine Situation geraten, in der es nur noch ums Überleben geht und das ist etwas was sie beherrscht. Mir hat die Entwicklung gefallen, die die Autorin ihre Protagonistin machen lässt. Sie gewinnt Erkenntnis über die Machenschaften der Regierung und deren Mechanismen, aber sie wird nicht von einer Saula zur Paula. Sie sieht auch die weiter kritisch, die einen Umsturz wollen, denn die bedienen sich im gleichen Maße der Lüge und der Manipulation, um ihre Ziele zu erreichen, wie die, die sie bekämpfen. Gerade wegen ihrer Brüche und ihrer Kanten, ist Mattea, eine glaubhafte Figur. Eine die im Laufe der Geschichte immer dreidimensionaler wird.

Lügenland lässt sich nur schwer einem Genre zuordnen, was mir außerordentlich gut gefällt. Doch in eine Kategorie gehört es für mich eindeutig: Wichtiges Buch, das viele Leser*innen finden sollte.

Lügenland

Autorin: Gudrun Lerchbaum

Verlag: Pendragon

ISBN  978-3-86532-550-1

Preis: 17,00 €



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