Lügenland von Gudrun Lerchbaum

Lügenland von Gudrun Lerchbaum

Am Vorabend ihrer Hochzeit erschießt die Soldatin Mattea, unter  Einfluss von Alkohol und Drogen, eine Freundin. Eigentlich die Freundin ihrer besten Freundin. Auf ihrer Hochzeitsfeier wird sie verraten und muss fliehen. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Geschichte nicht im heutigen Österreich spielt, sondern in einem in einer nicht allzu fernen Zukunft. Einer Zukunft, in der der Traum Europa ausgeträumt und Österreich ein faschistisch regiertes Land ist. Die Bürger werden mittels Fonbändern, über die sie im Internet surfen, Bezahlungen tätigen, Nachrichten empfangen, sich ausweisen, sowie durch nahezu flächendeckend installierte Kameras, überwacht. An allen öffentlichen Einrichtungen und Plätzen sind meterhohe und -breite Mediawände aufgestellt, über die Nachrichten laufen, was eine Flucht natürlich deutlich erschwert. Zu allem Überfluss wird Mattea auch noch mit einer flüchtigen Terroristin, mit Ina Mattusek, verwechselt.

Im Grunde ist diese Mattea linientreu. Klar, sie ist nicht glücklich bei der Miliz, darum hat sie sich zu einer arrangierten Ehe entschlossen, um dem Dienst zu entgehen. Denn wer Mutter und Ehefrau wird, leistet seinen Beitrag für das Vaterland und ist aus der Schusslinie.  Ihr ist bewusst, dass vieles schief läuft, glaubt aber auch der Propaganda der Herrschenden, dass es nun einmal nötig ist Opfer zu bringen. Nach einer recht wilden Flucht gelingt es ihr, sich nach Linz zu ihrer Großmutter väterlicherseits durch zuschlagen, die sie mit der Widerstandsbewegung in Kontakt bringt, die ihr, in dem Glauben, es mit Ina Mattusek zu tun zu haben, hilft. Während dessen behaupten die Medien, sie hätten die wahre Ina Mattusek gefangen genommen und ein perfides Spiel mit den Identitäten der beiden Frauen beginnt.

Gudrun Lerchbaum hat mit Lügenland ein aktuelles Buch geschrieben. Ein wichtiges Buch. Anhand der Geschichte von Matteas Flucht zeigt sie, wie brüchig das Weltbild wird, wenn man über seinen Tellerrand hinausgeschubst wird. Wenn die alten Regeln und vermeintlichen Sicherheiten nicht mehr gelten. Ihre Protagonistin ist keine typische Heldin, ja, sie ist nicht einmal sonderlich sympathisch. Wie auch, denn wenn wir sie kennenlernen, hat  sie gerade scheinbar grundlos eine Freundin erschossen. Mattea sie ist einfach in eine Situation geraten, in der es nur noch ums Überleben geht und das ist etwas was sie beherrscht. Mir hat die Entwicklung gefallen, die die Autorin ihre Protagonistin machen lässt. Sie gewinnt Erkenntnis über die Machenschaften der Regierung und deren Mechanismen, aber sie wird nicht von einer Saula zur Paula. Sie sieht auch die weiter kritisch, die einen Umsturz wollen, denn die bedienen sich im gleichen Maße der Lüge und der Manipulation, um ihre Ziele zu erreichen, wie die, die sie bekämpfen. Gerade wegen ihrer Brüche und ihrer Kanten, ist Mattea, eine glaubhafte Figur. Eine die im Laufe der Geschichte immer dreidimensionaler wird.

Lügenland lässt sich nur schwer einem Genre zuordnen, was mir außerordentlich gut gefällt. Doch in eine Kategorie gehört es für mich eindeutig: Wichtiges Buch, das viele Leser*innen finden sollte.

Lügenland

Autorin: Gudrun Lerchbaum

Verlag: Pendragon

ISBN  978-3-86532-550-1

Preis: 17,00 €

The last wild witch von Starhawk

The last wild witch von Starhawk

Schon vor einiger Zeit habe ich meinen Enkelkindern obiges Buch geschenkt, und sie lieben es. Mir geht es genau so.

Starhawk ist eine Autorin die ich seit den späten 70zigern lese. Sie war eine der ersten Autor*innen bei der Spiritualität, Feminismus und Politik  sich nicht ausschlossen. So war ich natürlich entzückt, dass sie auch ein Kinderbuch geschrieben hat. Wunderschön illustriert von Lindy Kehoe und herausgegeben von Mother Tongue.

Die Geschichte spielt in einer perfekten Stadt, in der alles geordnet ist, nur im Wald lebt die letzte wilde Hexe und kocht dort ihre magische Suppe, mit der sie die Tiere und die Bäume heilt, wenn sie sich schwach fühlen und nachts trommelt und sind sie und wenn der Wind aus Westen weht, dann dringt der Geruch ihrer magischen Suppe und der Klang ihrer Trommel in die Kinderzimmer und die Wildheit erwacht wieder in den perfekten funktionieren Kindern; plötzlich mögen sie nicht mehr in der Reihe gehen und ruhig sein, sondern wollen springen, laufen und draußen sein. Das passt den Erwachsen natürlich nicht und sie wollen den Wald abholzen und die Hexe vertreiben, doch die Kinder warnen die Hexe und die kocht ihre magische Suppe und trommelt und … am Ende tanzen alle gemeinsam recht ungeordnet, aber fröhlich.

Es ist ein Buch, von dem ich mir wünschen würde, dass es auf Deutsch erscheinen würde. Es geht aber auch so, wie ich es zur Zeit mache, ich lese erst auf englisch und übersetze dann für die Kinder und nebenbei lernen sie auch einige Worte Englisch.

http://starhawk.org/writing/books/the-last-wild-witch/

Café Morelli von Giancarlo Gemin

Café Morelli von Giancarlo Gemin

Das Café Morelli befindet sich in einer kleinen Stadt in Wales und kurz vor dem Aus. Seit der Bergbau nicht mehr floriert, geht es auch mit Bryn Mawr bergab. Joe möchte das Café seines Großvaters retten, während seine Mutter, die momentane Besitzerin, es müde ist, um die Existenz zu kämpfen. Doch Joe gibt nicht auf, denn er ist stolz auf das Café, welches sein Urgroßvater 1928 gegründet hat und er ist stolz auf seine italienische Herkunft. Dann erleidet der Großvater einen Schlaganfall und zu Joes Sorgen um das Café, kommt die Sorge um den Großvater. Während dieser sich erholt, bringt Joe im ein Diktiergerät ins Krankenhaus und bittet ihn die Geschichte der Familie und des Cafés auf Band zu sprechen.  Zusätzlich für Aufregung sorgt Kusine Mimi, die aus Italien angereist kommt. um zu helfen und wundervoll kochen kann.

Das erste Buch, das ich von Giancarlo Gemin las, war sein Erstlingswerk Milchmädchen. Wie auch Milchmädchen spielt Café Morelli in Bran Mamwr, allerdings nicht so sehr am Rande. Doch auch in der Innenstadt und auf der High Street, wo das Café Morelli steht, ist der Verfall zu merken. Giancarlo Gemin Protatonistinnen sind immer ein wenig Außenseiter, sie sind nicht die coolsten, nicht die schönsten Jugendlichen, aber sie sind nicht bereit sich mit etwas abzufinden, was sie als falsch empfinden und sie suchen und finden originelle Wege, um Abhilfe zu schaffen. Ich mag Bücher für junge Leserinnen, in denen die Autoren, ihre Held*innen auf Augenhöhe angehen. Was mir bei Gemin besonders gut gefällt, seine weiblichen Figuren sind keine quietschenden Girlies sind, sondern recht taff. Überhaupt hat dieser Autor eine unauferegte Art Misstände zu benennen, er verschwendet keine Zeit mit Schuldzuweisungen, sondern ermutigt nach Lösungen zu suchen. Eine wichtige Botschaft, in diesen unseren Zeiten, in denen Schuldzuweisungen Hochkonjunktur haben. Wunderbar auch, wie er ein Stück Einwanderergeschichte einfließen läßt, in dem der Großvater über die Geschichte der Familie spricht.

Café Morelli

Autor: Giancarlo Gemin

Übersetzerin aus dem Englischen: Gabriele Haefs

Verlag: Carlsen

Bergljots Familie von Vigdis Hjorth

Bergljots Familie von Vigdis Hjorth

Eine gutbürgerliche Familie, der Vater stirbt, und was zu erst wieder der Streit um zwei Sommerhäuser aussieht, eskaliert mehr und mehr und es wird klar, im Grunde geht es um etwas ganz anderes. Bergljot, die älteste Schwester und das zweitälteste Kind der Familie, hatte sich vor dreiundzwanzig Jahren von ihrer Familie losgesagt, nachdem sie während ihrer Psychoanalyse entdeckt hat, dass sie als kleines Kind vom Vater missbraucht wurde. Die MuttEer nennt sie eine Lügnerin, obwohl Bergljot sich an Fragen und Gespäche mit der Mutter erinnert, die darauf schließen lassen, dass sie zumindest etwas geahnt hat. Der ältere Bruder hat sich bereits von der Familie zurück gezogen, die jüngeren Schwestern stellen sich auf die Seite der Eltern, wobei eine versucht auch Kontakt zu Bergjlot zu halten. Für diese lebt nun alles wieder auf und sie wird mit den alten Dämonen konfrontiert und mit der Ungerechtigkeit, dass ihre Geschichte nicht zählt, dass die Familie sie nicht ernst nimmt, sondern im Gegenteil sie, das Opfer, zur Schuldigen macht, die die Familienidylle stört.

Vigdis Hjorth hat bereits mehrfach klar gestellt, dass es sich nicht um eine autobiografische Geschichte handelt, obwohl sich natürlich Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben verarbeitet hat, wie sie es in all ihren Büchern tut. Für die Leser*innen kann das auch egal sein. Auf alle Fälle hat sie wundervoll sensibles, trauriges, poetisches Buch zu einem heiklen Thema geschrieben und gewährt einen tiefen Einblick hinter die Kulissen einer Familie, in der, wie in so vielen, bei weitem nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Ich habe vieles wiedergefunden, was ich aus meiner eigenen Geschichte kenne.

Bergljots Familie ist für den wichtigsten Literaturpreis Skandinaviens, den Nordic Council Literature Prize, nominiert.

Bergljots Familie

Autorin: Vigdis Hjorth

Übersetzerin: Gabriele Haefs

Verlag: Osburg Verlag

Maeve Brennan

Maeve Brennan

Im Oktober 2013 war ich in der Stadtbücherei, meistens habe ich dort online bestellt was ich brauche und hole es nur ab. An diesem Oktobertag war das anders. Ich erinnere mich an dieses scheußliche Gefühl, das alle leidenschaftlichen LeserInnen kennen, die Regale sind voll, aber man hat nichts, aber auch gar nichts zu lesen. Also dachte ich, guck doch mal in die Bib, vielleicht findest du etwas. So strich ich die Regale entlang, zog da einmal ein Buch heraus, steckte es wieder zurück, ging weiter und plötzlich fiel mir aus dem BR-Regal Mr. und Mrs. Derdon von Maeve Brennan vor die Füße, dessen Titelbild eine sehr schöne Frau zierte. Warum ich es zurückstellte weiß ich gar nicht mal, vielleicht weil mir der Name der Autorin nichts sagte, vielleicht weil ich keine Kurzgeschichten lesen wollte, sondern einen schönen dicken Roman. Wie auch immer, ich ging weiter und, was soll ich sagen, auf dem Rückweg fiel mir das Buch wieder vor die Füße. Jedenfalls nahm ich es als göttliches Zeichen, dass ich Maeve Brennan lesen sollte und lieh es aus. Abends begann ich zu lesen und am nächsten Tag bin ich sofort wieder in die Bib und habe mir Die Besucherin von M. B. geholt. Mehr war dort nicht zu kriegen und andere Bücher kamen. Allerdings gingen mir die Geschichten nie aus dem Kopf. Beim Lesen dachte ich damals, Maeve Brennan ist in der Lage einen Roman in einer Kurzgeschichte zu erzählen. Auf vielleicht 20 Seiten entfaltet sie eine Geschichte von so einer Vielschichtigkeit, für die andere AutorInnen 300 Seiten gebraucht hätten. Man kann sich also vorstellen, wie entzückt ich war zu erfahren, dass der Steidl Verlag ihre Sämtlichen Erzählungen herausbringt und dass ich 3 1/2 Jahre vor dem Literarischen Quartett auf diese Autorin gestoßen bin.

Maeve Brennan wurde 1917 in Dublin geboren. 1934 siedelte sie mit ihrer Familie nach New York über, wo ihr Vater als erster Gesandter der Irischen Republik tätig war. Sie arbeitete als Werbetexterin für Harpers Bazar und schrieb für den New Yorker. Mit ihrem Ehemann, St. Clair McKelway, seines Zeichens Chefredakteur, des New Yorkers, lebte sie in Sneden’s Landing, einer kleinen Siedlung in der Nähe von New York, wo sie auch ihre Inspirationen zu „Tanz der irischen Dienstmädchen“ fand. Sie litt unter schizophrenen Anfällen und starb einsam und verarmt 1993 in New York.

Der Steidl Verlag hat die Sämtliche Erzählungen von Maeve Brennan, in der Übersetzung von Hans-Christian Oeser, anlässlich ihres 100. Geburtstag herausgebracht.

Magnus Chase – der Hammer des Thors – Rick Riordan

Magnus Chase – der Hammer des Thors – Rick Riordan

Rick Riordan

Magnus Chase – Der Hammer des Thors

Übersetzung: Gabriele Haefs

Verlag Carlsen

Alter: ab 12 Jahre

ISBN: 978-3-55155889-1

Thor hat wieder einmal die stärkte Waffe der neun Welten, seinen Hammer verloren. Nicht genug damit, dass Asgard Gefahr läuft von den Riesen angegriffen zu werden, nein, er kann auch seine Serien auf Netflix nicht mehr gucken. Das geht natürlich gar nicht und Magnus Chase, die muslimische Walküre Samira und ihre anderen Freunde machen sich auf, um den Hammer zurück zu holen. Schnell wird klar, dass Loki, der Trickser, der Gestaltwandler und Vater von Samira sein eigenes Süppchen kocht, um endlich aus der Höhle befreit zu werden, in der er seit Jahrhunderten von den Göttern gefangen gehalten wird.

Bereits mit dem ersten Teil der Serie hatte ich sehr viel Spaß. Der 2. hat mir fast noch besser gefallen. Wieder bedient sich Rick Riordan aus den Sagen der Edda und mixt es munter mit heutigen. So hat Heimdall, der Wächter der neun Welten, der auf der Regenbogenbrücke Bifröst lebt das Gjallarhorn, mit dem er eigentlich tuten soll, wenn Asgard angegriffen wird, in ein Phablet verwandelt und macht Selfies und die Riesen betrreiben eine Bowlingbahn. Es ist nicht nur eine spannende und lustige Geschichte, die Riordan erzählt, es ist sehr viel mehr. Die Botschaft ist, es ist egal ob du Muslim, Zwerg, Albe oder Einherjer bist, Hauptsache du kämpfst für die richtige Sache. So taucht denn auch in diesem Buch eine transgender Person auf. Alex, ein weiteres Kind Lokis, die nicht nur ihr Geschlecht wechseln, sondern auch Tiergestalt annehmen kann, wie Loki selbst auch. Auch dass Odin und Konsorten weniger als Götter gesehen, sondern eher als sehr mächtige Wesen, fand ich stimmig. Es ist ein wahrlich empfehlenswertes Buch, genauer gesagt, eine empfehlenswerte Serie. Themen wie Rassismus, Transgender, Herkunft und Tradition werden leicht, aber doch nachhaltig behandelt.

Aber das Bild war noch da von Christian Mähr

Aber das Bild war noch da von Christian Mähr

Aber das Bild war noch da

Autor: Christian Mähr

Verlag: Wortreich Wien

  • Hardcover – EURO 19,90
    ISBN 978-3-903091-26-9
    312 Seiten, Roman
    VÖ 5.5.2017
  • eBook – EURO 9,99 – erhältlich auf allen Plattformen
    ISBN 978-3-903091-34-4
    312 Seiten, Roman

Alles beginnt damit, dass der Politiker Oswald Obwalter einen Roman geschrieben hat. Diesen hat er seinem alten Schulkameraden, dem Krimi-Autoren Martin Fries, zur Begutachtung vorgelegt. Fries scheut sich nun, Obwalter zu sagen, dass dieser eine Menge Mist zusammengeschrieben hat. Als Fries Obwalter auf der Straße sieht, befürchtet er einem Gespräch über dessen Werk nicht ausweichen zu können und flüchtet in eine Galerie und entdeckt dort das Bild. Dumm nur, dass Obwalter auch in die Galerie geht, denn er hat das Bild gekauft. Er trifft auf Fries und fragt natürlich nach seinem Urteil. Dieser, eigentlich eher konfliktscheue, Herr, hält nicht mit seinem Urteil hinter dem Berg und schwallt Obwalter sein vernichtendes Urteil entgegen, der widerum verliert die Contenance und schlägt Fries nieder. Skandal, Verurteilung zu Schmerzensgeld, Rücktritt von den politischen Ämter und, on top, Fehlinvestionen, führen dazu, dass Oswald Obwalter sich dem Bankrott gegenüber sieht. Weder er, noch seine Frau Lukretzia sind bereit das so hinzunehmen und gehen eigene illegale Wege, die Finanzen wieder auf gesunde Füße zu stellen, dabei sollen Fries und der Maler des Bildes, eine Rolle spielen. Doch nicht nur die Bewohner des kleinen Voralberger Städtchens sind involviert, sondern auch die russische Mafia.

Christian Mähr ist da eine herrliche Satire gelungen. Alle wollen haben, um jeden Preis. Die Geschichte ist herrlich absurd und es ist spannend, mit welchen kuriosen Verwicklungen Mähr um die Ecke kommt. Immer, wenn man gerade denkt, absurder geht es nimmer, kommt doch noch was. Wer es gerne schräg mag, liegt bei Mähr und seinen fröhlichen Gierhälsen richtig.

In der Nachbarschaft von Benedikt Maria Kramer

In der Nachbarschaft von Benedikt Maria Kramer

In der Nachbarschaft

Autor: Benedikt Maria Kramer

Gonzo Verlag

ISBN 9783944564241

Preis: 5,00 €

Aus der Reihe Verstreute Gedichte ist nun ein kleines, feines Heft mit einigen Werken von Benedikt Maria Kramer entstanden. Der Gonzo Verlag hat überhaupt so einiges zu bieten, also einfach mal längs gucken und kaufen was das Zeug hält. Doch zurück zu In der Nachbarschaft und zu Benedikt Maria Kramer.

Vor einiger Zeit habe ich bereits seinen Gedichtband Glücklich sein ist was für Anfänger hier besprochen und auch von diesem kleinen Bändchen bin ich begeistert, es hat nur einen Fehler: Es sollte länger sein. Es macht Spaß Benedikts Nachbarschaft durch seine Augen kennenzulernen. Albi, Kai, Hugo und die anderen, die dem Autoren im Alltag begegnen, sind einem vertraut, sie sind nicht ortsgebunden, beim Lesen fielen mir einige Gestalten aus meinem Umfeld ein, die ihnen entsprechen. Benedikt Maria Kramer beherrscht die Kunst mit wenigen Worten ein komplexes buntes Bild entstehen zu lassen, in dem auch die Grau- und die Schwarztöne nicht vernachlässigt werden.

 

 

Alles so hell da vorn von Monika Geier

Alles so hell da vorn von Monika Geier

MONIKA GEIER
Alles so hell da vorn
ARIADNE 1223
ISBN 978-3-86754-223-4 Preis: 13,00 €

In einem Frankfurter Vorstadtbordell erschießt eine junge Prostituierte einen uniformierten Polizisten und einen »Security Mann«, dann informiert sie die Polizei und flieht. Der erschossene Beamte heißt Ackermann und ist der langjährige Kollege und zeitweise Freund von Kriminalkommisarin Bettina Boll. Die aus allen Wolke fällt, als sie begreift, dass jemand dem sie so nahe war und so gut zu kennen glaubte, pädophile Neigungen hatte. Doch es kommt noch dicker, als die Mörderin in einem kleinen Ort, wo sie einen weiteren Mann erschossen hat, gefasst wird und behauptet Meggie zu sein, die Meggie, die vor zehn Jahren aus eben diesem Ort im Alter von sechs Jahren spurlos verschwand. Während der Ermittlungen wird schnell klar, dass Beamte der Polizei in die Machenschaften des Kinderprostitutionsringes verwickelt sind und dass diese Verbindungen bis in die höchsten Ränge gehen … und das jemand versucht, Bettina Boll zum Sündenbock zu machen. Die hat es im Moment eh nicht leicht, sie will das von ihrer Tante ererbte Haus verkaufen, was sich als schwierig herausstellt. Zum einen, weil ihre Kinder es nicht loslassen wollen und zum anderen, wegen des in einem versteckten Raum gefundenen Brunnens, vor dem ein paar uralte Kinderschuhe stehen. Der Verdacht, dass der Brunnen nicht nur Wasser enthält, liegt nahe.

Ohne voyeuristisch zu werden, führt Monika Geier ihren Leser*innen, dass ganze Grauen und Elend, der missbrauchten Kinder vor Augen und die Skurpellosigkeit ihrer Zuhälter und Freier. Sie baut den Fall spannend aus einer ungewöhnlichen Ausgangssituation heraus auf und nimmt einen von den ersten Seiten an gefangen. Ich habe das Buch in zwei Tagen durchgelesen und heute morgen um 03:30 beendet. Das sollte schon so einiges über seine Qualität aussagen. Die Autorin bereitet ein verstörendes Thema sensibel auf und hält das Gleichgewicht, zwischen nüchterner Polizeiarbeit und aufkochenden Emotionen. Schön, dass sie diesen schweren Stoff auflockert, in dem sie einiges an Lokalkolorit einbringt. Etwa die Arbeitsweisen ihrer Pirmasenser Kollegen und wie diese gewöhnlich die Mittagspause begehen. Überhaupt beherrscht Monika Geier die Kunst, mit wenigen Worten ein komplexes Bild von Mensch und Situation zu zeichnen. Ein Buch also, das ich nur wärmstens empfehlen kann.

Autorenexpress von Ilona Wang-Richter

Autorenexpress von Ilona Wang-Richter

Autorenexpress

Ilona Wang Richter

Epubli

Sprache: Deutsch

ISBN: 9783745055221

Format: DIN A5 hoch

Seiten: 184

Die Schreibdozentin und Autorin Ilona Wang-Richter lädt Schreibinteressierte zum Mitreisen ein. Acht Autor*innen mit unterschiedlichen Problemen sind im Autorenexpress, mit dem Schaffner Nikolai unterwegs nach Roman-Autor. Acht unterschiedliche Charaktere, acht Schreibprobleme, 22 Reisetage und keine Möglichkeit auszuweichen, denn der Zug hält nirgends lange.

Eine großartige Idee und ein ideal gewähltes Setting. Denn in einem Zug, der nirgends lange hält, in dem für die leiblichen Genüsse gesorgt wird und nicht dauernd Telefon oder Tür klingeln, kann man nicht ausweichen und sich wirklich seinen Themen widmen. Was die Herrschaften ja auch, unterstützt von Nikolai, dem Schaffner, der jedem individuellen Rat zu seinem Problem gibt, tun.

Wie gesagt, die Idee hat mir gut gefallen und bis zur Hälfte des Buches fand ich es gut umgesetzt, die Beispiele waren stimmig, der romanhafte Überbau lustig und die Probleme jedem der schreibt bekannt, die Empfehlungen die Nikolai seinen Autor*innen gibt sind originell und sicher hilfreich. Allerdings gibt es auch Mankos, die durchaus in den Schwächen liegen können, die die Autorin hat. Zum Beispiel bei den Dialogen.  Hier führt sie ein Negativbeispiel an, einen simplen Dialog aus dem Zusammenhang gerissen. Sicher nicht perfekt, hätte ein wenig subtiler sein, ein wenig mehr Gestik haben können, aber im Grunde ein schönes Beispiel für einen lebendigen Dialog. Dem gegenüber stellt sie als Positivbeispiel etwas, das kaum als Dialog bezeichnet werden kann. Eine Frau in einer Apotheke, die ein Gespräch möchte und versucht eines in Gang zu bringen, aber ein desinteressiertes Gegenüber hat. Um nun deutlich zu machen, wer da einkauft, unterfüttert sie diesen Dialog mit inneren Monolog, was natürlich in keinster Weise die Funktion, die ein Dialog haben soll, kennzeichnet.

Des weiteren hat mir nicht gefallen, dass da so ein Genre-Bashing betrieben wird. Fantasy, Science Fiction und Dystopien, haben durchaus ihre Berechtigung und ihre Leser. Vielleicht entsprechen sie nicht dem Geschmack von Frau Wang-Richter, aber sie haben ihre Leser, und die Geschichten, die sie transportieren, haben natürlich ihren Ursprung im hier und jetzt und in dem Erleben des Autors. Autoren wie Michail Bulgakov, Boris und Arkadi Strugazki, Ray Bradbury und viele mehr haben in diesem Genre Weltliteratur geschaffen.

Schreibinteressierte werden in dem Autorenexpress viel Hilfreiches für ihre Arbeit finden, doch empfehle ich, kritisch zu lesen und nicht davon auszugehen, dass die Autorin in allem und jedem recht hat.