Schattenkind von Anne Holt

SAMSUNGEs ist der 22.7.2011, der Tag des Massakers von Utøya, als der kleine Sander stirbt. Alles sieht nach einem Unfall aus. Zuerst! Doch so nach und nach zeigt sich, dass die scheinbare Bilderbuchfamilie so einige dunkle Flecken in ihrem Leben hat. Inger Johanne Vik, die Kriminologin und Forscherin, kommt zufällig auf Besuch zu ihrer Freundin, kurz nachdem Sander starb. Von Anfang an kommt ihr einiges komisch vor, aber sie drängt es weg. Wie ohnehin alles an diesem Tag in Oslo verdrängt wird von den Anschlägen im Regierungsviertel und in Utøya. So ermitteln Stubø und Vik diesmal auch nicht gemeinsam, sondern an getrennten Fronten.

Anne Holt lässt mit Schattenkind die Reihe um Stubø/Vik zu Ende gehen. Für das Finale hat sie sich das heikle Thema Gewalt gegen Kinder vorgenommen. Das Buch ist kein Krimi im übrigens Sinne, sondern viel mehr. Es ist ein Aufruf genau hin zu schauen und zu akzeptieren das Gewalt gegen Kinder zwar alltäglich ist, durch alle Gesellschaftsschichten, aber das es auch ein mit einem Tabu behaftetes Thema ist. So ist auch Inger Johanne nur sehr widerwillig bereit sich mit dem Geschehen auseinander zu setzen. Doch letztendlich bleibt ihr und einem jungen rothaarigen Polizisten, der von Anfang an keine Ruhe gibt, nichts anderes übrig, als sich den Tatsachen zu stellen. An Sanders Tod stimmt etwas nicht. Während ihrer Ermittlungen stoßen sie auf verschiedene Menschen, die alle eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung der Verhältnisse in Sanders Elternhaus haben. Da sind die, die einen Verdacht haben, aber zögern zu handeln und die die schlicht und ergreifend bewusst die Augen verschließen.

Anne Holt verwebt den Fall und die nicht einfach private Geschichte von Inger Johanne und Yngvar sehr geschickt zu einer spannenden und aufrüttelnden Story. Sensibel schreibt sie über ein Thema, dass niemanden kalt lässt. Es ist keine Anklage, da ist kein erhobener Zeigefinger und auch kein überlegenes „so etwas würde ich nie übersehen“ sondern einfach die Trauer darüber, das niemand genauer hingesehen hat. Besser gesagt, das keiner seiner Wahrnehmung trauen wollte, weil: Es kann ja nicht sein, was nicht sein darf!  Bei aller Realitätsnähe ist es aber auch, vielleicht gerade darum, eine spannender Kriminalroman.

Ich habe alle Bücher aus der Stubø/Vik Reihe gelesen und fand alle auf sehr unterschiedliche Weise gut. Trotzdem finde ich es in Ordnung, dass Anne Holt nun Schluss macht, mit dieser Serie und zwar jetzt, wo man sich der Protagonisten liebevoll erinnert und nicht erst, wenn einem beim Erscheinen eines weiteren Bandes der Kaffee hochkommt.

Übersetzt wurde dieses Buch, wie alle anderen von Anne Holt, von Gabriele Haefs.

Schattenkind

Anne Holt
KRIMINALROMANerschienen am 15.10.2013

Übersetzt von: Gabriele Haefs
336 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-492-05396-9
€ 19,99 [D], € 20,60 [A], sFr 28,90

About KaBra

Karin Braun, 59 Jahre, begeisterte Leserin und Erzählerin. Im Grunde mache ich dauernd was mit Worten. Entweder lese ich oder ich schreibe und oft schreibe ich über das Gelesene.

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