Liebe Virginia,

heute vor 75 Jahren hast du dich zu deinem finalen Bad in der Ouse aufgemacht um so deinem Leben ein Ende zu setzen. Als Begründung führtest du deine Angst an, erneut verrückt zu werden und diesmal nicht mehr die Kraft zu haben, dich aus diesem Zustand zu befreien. Das Kuriose daran ist, dass du dich zu einer Zeit fürchtetest, verrückt zu werden, in der die ganze Welt wahnsinnig war.
Wann habe ich eigentlich zuerst von dir gehört, habe ich etwas von dir gelesen? Ich glaube, ich war 20, als ich Mrs. Dalloway las, und ich war so beeindruckt, dass ich mehr über die Autorin erfahren wollte. Also begann ich zu lesen, was immer mir in die Hände fiel. Eines der ersten Bilder, die ich von dir sah, war das, welches auch die Biografie ziert, die Hermione Lee über dich verfasst hat.
Virginia75
Es zeigt dich im Profil und hinterlässt den Eindruck einer sensiblen jungen Frau, die du ja auch warst. Fast ein wenig ätherisch wirkst du auf diesem Foto und als ich erfuhr, dass du akustische Halluzinationen hattest, schien es mir nicht abwegig. Zum einen, weil »mehr hören« als andere, zu diesem Foto passte und zum anderen, weil mir das Phänomen nicht fremd ist. Im Laufe der nächsten Jahre erfuhr ich viel über dich. Alles aber nur Fetzen, die das Bild was ich mir machte, immer wieder veränderten. Da war die hypersensible, wahrscheinlich von ihrem Stiefbruder missbrauchte Virginia, da war die kraftvolle Stimme, die mit ihren Essay »Ein eigenes Zimmer«, so vielen Frauen Mut gemacht hat zu schreiben. Du hast dich danach gesehnt zu studieren, was aber nicht möglich war, weil eine Universitätsbildung nur für deine Brüder vorgesehen war. In einem Buch las ich sogar, dass du Antisemitin wärst. Was ich in Anbetracht deiner Ehe mit Leonard Woolf eher unwahrscheinlich fand. Der Verfasser des Artikels machte es übrigens an der Tatsache fest, dass du ab und an bei Tisch gesagt haben sollst: »Gebt dem Juden sein Fleisch!«, wenn jemand Leonard den Teller mit dem Braten reichen sollte. Da dachte ich, sind nun alle antisemitisch, wenn sie aus Shakespeares »Kaufmann von Venedig« zitieren? Im Laufe der Jahre hat man immer wieder versucht dich in einen Rahmen zu setzen, was gründlich misslang. Man versuchte zu klären, welcher sexuellen Richtung du zuzuordnen wärst (als wenn deine Präferenzen in diesem Bereich irgendwie wichtig wären oder irgendjemanden etwas angingen) und man versuchte zu entscheiden, ob du nun geistig krank warst und darum so schreiben konntest, wie du schriebst oder ob das Schreiben deine Krankheit bewirkte. Im Grunde läuft es wohl darauf hinaus, dass du in keinen vorgefertigten Rahmen passt und auch nicht die geringste Lust hattest, dich für einen passend machen zu lassen und das ist auch gut so!
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Mir jedenfalls hast du durch deine Bücher viel gegeben und dafür danke ich dir. Zur Erinnerung werde ich heute nicht noch einmal »Wellen« oder »Die Fahrt zum Leuchtturm« lesen, sondern mir »The Hours« oder »Mrs. Dalloway« ansehen. Heute ist mir nach Filmen und beide sind ausgezeichnet.



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